Hommage an meine Mutter

Irene Hülsermann

von Irene Hülsermann

Story
1960 – 2018

Ich möchte von meiner Mutter erzählen: Der besten Mutter, die es je gab. Innerhalb von 5 Jahren hat sie 4 Kinder bekommen. Mit jeder Geburt wurde es dramatischer für sie. Ich, das dritte Kind, kam mit 54 cm und 4 Kilo zur Welt, obwohl sie sich während der ganzen Schwangerschaft übergeben musste und ausgesprochen dünn blieb. Bei meinem Bruder kam dann der Pfarrer, um ihr die letzte Salbung zu geben. Sie durfte keine Kinder mehr bekommen, sagten die Ärzte, weigerten sich aber, sie zu sterilisieren, denn sie wäre zu jung.

Sie liebte ihre Familie über alles. Geld war Mangelware, aber unsere Mutter versuchte das immer auszugleichen. Sonntags gab es Fleisch und manchmal aßen wir die Reste am Montag. Aber wesentlich wichtiger war für uns Kinder, dass sie jede Woche einen Kuchen backte. Sie war eine begnadete Bäckerin und so ist es nicht verwunderlich, dass unsere Geburtstagsfeiern heiß begehrt waren. Aufgewachsen in einer Bundeswehrsiedlung mit vielen Kindern kamen da mal schnell 15 Gäste zusammen und fast genauso viele verschiedene Kuchen bereitete sie vor. Damals in den sechziger und siebziger Jahren war es nicht üblich, solche Kindergeburtstage zu feiern. Sie überlegte sich Spiele und es gab immer etwas Kleines zum gewinnen. So verließen die Kinder am Abend mit glücklichen Gesichtern und einer Tüte mit Süßem und Geschenken unser Zuhause.

Meine Mutter war eine großzügige Gastgeberin und so schliefen bei uns nicht nur Verwandte auf dem Weg in den Urlaub nach Italien, sondern ebenso Austauschschüler aus Frankreich. Als 1972 die Olympiade in München war, beherbergten wir Gäste aus Japan und Griechenland. Später schleppten wir Jugendliche Bekanntschaften an, die wir bei unseren Reisen kennengelernt hatten.

Als wir dann halbwüchsig wurden, hatte sie immer ein offenes Ohr für die Probleme. Und das nicht nur für unsere: Nächtelang hörte sie den Freunden in der Küche zu, wenn diese Kummer hatten.

Leicht hatte sie es nie in ihrem Leben gehabt. Früh vier Kinder bekommen, durch den beruflichen Umzug keine Hilfe von ihren Eltern, kümmerte sie sich nicht nur liebevoll um ihre Familie, sondern immer um ihre Freunde, Bedürftige und Tiere. Bettelte ein Mensch an der Tür, bat sie ihn herein und ließ ihn mitessen.

Ihre große Freude waren dann die Enkelkinder, in deren Betreuung sie regelrecht aufblühte.

Dann pflegte sie ihren Schwiegervater und ihre Eltern, bis diese verstarben. Sie übernahm die Versorgung ihres behinderten Bruders für viele Jahre und kümmerte sich um ihn, genauso wie um ihre an Demenz erkrankte Zwillingsschwester. Als dann noch ihr Mann dement wurde, pflegte sie auch ihn.

Als sie mit 84 Jahren starb, sagte uns ihr Arzt, dass weder er noch einer seiner Kollegen je gedacht hätten, dass sie älter als 50 wird. Denn sie wurde durch die damals unerprobte Antibabypille schwer krank, lag viele Male im Krankenhaus und öfters war sie vom Totenbett wieder aufgestanden.

Ich vermisse sie!

© Irene Hülsermann 2021-09-22

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