von Nadine Glaab
Dennis‘ Sicht
Nach einer Zeit des Überlegens blickte ich den Baum hoch. Es war der Baum, an dem mein kleiner Bruder und Nadine diesen Winter das Baumhaus bauen werden. Und es wird aufs Neue verwüstet werden. Es schmerzt jedes Mal es in diesem Zustand sehen zu müssen. Warum? Weil es einer der wenigen Dinge ist, die mich noch an ihn erinnerten. Sie hatten beide immer so viel Spaß dabei gehabt, es zu bauen. Woher er die Sachen dafür hatte, frage ich mich allerdings immer noch.
Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie es wäre, wenn wir alle ein ganz normales Leben führen würden. Würde Dominik noch da sein? Würden wir beide uns noch verstehen? Hätte ich die Chance, die Schule mit einem guten Abschluss zu beenden und auf eine angesehene Uni zu gehen? Oder wäre ich wie die ganzen anderen Jungs in meiner alten Klasse ständig auf Partys zu sehen? Könnte ich es schaffen eine Freundin zu finden oder würde ich sie bloß mit meiner Art verschrecken? So viele Fragen, die mir nicht einmal Gott beantworten kann.
,,Wir werden uns beide wohl immer wieder treffen, selbst wenn wir nicht hier sein sollten, nicht wahr?“ Ich schreckte hoch, als ich eine mir vertraute Stimme hörte. ,,Sei es die Gedanken über die Timeline, die dich immer wieder hierherführen oder über ein Leben, dass du hättest haben können.“, fuhr sie fort. Michelle trat nun mit verschränkten Armen und einem Lächeln auf den Lippen hinter dem Baum hervor und lehnte sich an mich. ,,Du hast mich ganz schön erschrocken. Ich habe dich hier nicht erwartet.“, gab ich leicht erschrocken zurück.
,,Du hast mich also hinter meinem eigenen Haus in meinem eigenen Garten nicht erwartet?“, lachte sie nun leicht. ,,Okay. Zugegeben, war das ein blödes Argument.“, gab ich beschämt zurück. Meine Gedanken gingen plötzlich kreuz und quer. Die Beziehung zwischen uns beiden war etwas komisch, aber für uns mittlerweile völlig normal. Wir lernten uns am Anfang durch Dominik und Nadine kennen und halfen uns immer aus. Egal, wie sich die Timelines bogen. Jedes Mal, wenn der Albtraum neu anfing, stand sie am gleichen Ort im Resetroom, als würde sie mich schon erwarten. ,,Hey Josh. Kommt mir so vor, als hätten wir uns eine lange Zeit nicht mehr gesehen.“, kam dann meistens von ihr.
Und jedes Mal lachte sie zufrieden über diesen blöden Spitznamen. Aber ich muss zugeben. Michelle hatte einen speziellen Platz in meinem Herzen. Egal was auch passierte, sie war diejenige, auf die ich mich immer verlassen konnte. Auch wenn ich es nicht zugeben würde, aber ich hatte tatsächlich über die ganzen Jahre Gefühle für sie entwickelt. Und immer, wenn es sich zurücksetzte, wurde dieses Gefühl stärker.
© Nadine Glaab 2024-05-27