Lyriel zögerte keine Sekunde. Während die weiß maskierten Männer mit ihrer Beute in den Gängen verschwanden, setzte sie sich in Bewegung. Sie war keine Heldin, die einen Unschuldigen retten wollte, aber das Amulett war ihr Auftrag – und niemand schnappte ihr einen Auftrag vor der Nase weg. Sie glitt durch die Menge, ein Schatten, der sich mühelos zwischen schwatzenden Adligen und eifrigen Tänzern hindurchwand. Einem übereifrigen Grafen, der sie zum Tanz auffordern wollte, schenkte sie ein Lächeln, das so kalt war, dass er unwillkürlich einen Schritt zurückwich.
Die Verfolgung wurde zu einem absurden Hindernislauf.
Lyriel schlüpfte unter dem Arm eines Mannes hindurch, der gerade eine ausschweifende Anekdote zum Besten gab, sprang mit einem Satz über die Schleppe eines ausladenden Ballkleides und wich einem Kellner aus, der ein Tablett mit wackeligen Champagnergläsern balancierte. Der Kellner hatte weniger Glück. Ein unachtsamer Tänzer rempelte ihn an, und das Tablett kippte. Gläser zerschellten, Champagner spritzte, und eine korpulente Baronin kreischte mehr aus Schreck als aus echter Not.
Das kleine Chaos war die perfekte Ablenkung. Niemand achtete auf die Gestalt in dem mitternachtsblauen Kleid, die durch die nun offenstehende Dienertür huschte.
Die Korridore hinter der prunkvollen Fassade waren eng, schlecht beleuchtet und rochen nach abgestandenem Wein und Bohnerwachs.
Lyriel hörte gedämpfte Stimmen vor sich und beschleunigte ihre Schritte. Sie bog um eine Ecke und sah die Gruppe gerade noch in einem kleinen Lagerraum verschwinden. Vorsichtig spähte sie durch den Türspalt.
Die weiß maskierten Männer hatten den jungen Burschen gegen eine Wand gedrückt. Ihr Anführer riss ihm gerade das Saphir-Amulett vom Hals. »Dummkopf«, zischte er. »Du solltest es unauffällig übergeben, nicht wie eine Trophäe zur Schau stellen.«
Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Der Anführer zog ein beinahe identisches Amulett aus seiner eigenen Tasche. Es war ebenfalls ein Saphir, ebenfalls von Silberranken umrahmt. Für einen kurzen, verwirrenden Moment hielt er beide Schmuckstücke nebeneinander. Die Lichtverhältnisse waren zu schlecht, um feine Unterschiede zu erkennen. Mit einer schnellen Bewegung reichte er eines der Amulette an einen seiner Männer weiter, der sofort in den Schatten des Ganges verschwand. Das andere drückte er dem verängstigten Typen wieder in die Hand. »Und jetzt verschwinde.«
Lyriel presste sich tiefer in den Schatten des Korridors. Ein Austausch hatte stattgefunden. Eines der Amulette war echt, das andere eine Fälschung. Aber welches war welches? Und wohin war der junge Mann mit seiner potenziell echten oder falschen Beute unterwegs? Das Spiel war soeben noch eine Stufe komplizierter geworden.
© Kreative-Schreibwelt 2026-02-20