Passkontrolle

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Passkontrolle | story.one

Wir haben auf unseren gemeinsamen Reisen durch Europa stets die gleichen Reaktionen erlebt. Und wir waren wirklich viel zusammen unterwegs während unserer Studienzeit und danach in den ersten Jahren unseres Arbeitslebens. Auch heute ist es noch so, wenn wir etwas gemeinsam in unserer Heimatstadt Wien unternehmen. Die Leute begegnen uns auf der Straße und mustern uns mit ihren Blicken, die zwischen uns hin und her springen. Wir sind beide groß, schlank, blond und haben blaue Augen. Und ja, wir sind Zwillingsschwestern.

Werden wir wieder einmal betrachtet, dann schmunzeln wir und eine spricht dann laut aus: „Wir wurden schon wieder entdeckt.“ Manche lassen im Vorbeigehen gut hörbar für uns das Wort „Zwillinge“ fallen. Am spanischen Strand in Cádiz hörten wir „Gemelas“, in der Taverne am Genfer See „Jumelles“ und im Londoner Harrods „Twins“. Diese Menschen wollen nicht direkt mit uns ins Gespräch kommen. Selten werden wir wirklich direkt angesprochen. Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, reagieren die Menschen einfach überall gleich.

Bis auf eine einzigartige Begegnung mit einem netten jungen Mann während einer Zugfahrt durch Österreich. Wir waren gerade in die Schweiz unterwegs, um mit unseren Freunden aus dem Berner Oberland ein Wochenende auf dem Gurnigel zu verbringen. Wir saßen zufällig auf einem Viererplatz zusammen und kamen miteinander ins Gespräch. Wir plauderten über das Reisen, das Zugfahren, den Tourismus in den Regionen. Er kam aus dem Montafon und war neugierig, warum wir gemeinsam in die Schweiz fuhren. Wir erzählten ihm von den Freunden, die wir bei einem gemeinsamen Urlaub kennengelernt hatten. Er fragte, ob wir öfter zusammen reisten. Als wir das bejahten, meinte er, dass das wohl eine schöne Freundschaft zwischen uns sei, wenn wir gemeinsam soviel unternahmen. Freundschaft? Wir schauten einander verblüfft an. „Wir sind Schwestern“, klärten wir ihn auf. „Wirklich?“, fragte er ungläubig. „Ja, wirklich. Und noch dazu am gleichen Tag geboren. Wir sind Zwillinge.“ Diesmal hatten wir das Wort ausgesprochen. Er schaute skeptisch, konnte keine Ähnlichkeit zwischen uns feststellen. Wir waren so verdutzt, dass wir unsere Pässe zückten und vor ihm die Seiten mit dem Geburtsdatum aufschlugen. Als er den gleichen Nachnamen und das idente Geburtsdatum las, schüttelte er nur erstaunt den Kopf. Doch damit hatten wir ihn überzeugt. In Bludenz stieg er aus.

An der Grenze zeigten wir erneut unsere Pässe her. Diesmal, weil wir die EU verließen.

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