Alles eine Frage der Bewertung

Im heurigen Frühling kam mein Mann plötzlich mit der Idee nach Hause, unser Haus zu verkaufen. Auslöser war der Umstand, dass er sich gesundheitlich nicht so fühlte, wie er es gewohnt war, es ging ihm nicht gut, es wurde ihm alles zu viel. Es war in ihm das erste Mal der Wunsch entstanden, in Pension zu gehen, immerhin war er 66, ein legitimer Wunsch.

Er wurde immer fröhlicher bei dem Gedanken, fühlte sich befreit bei der Vorstellung, nicht mehr jedem Unkraut nachjagen zu müssen, für jede kleine Reparatur zuständig zu sein. Er begann schon den Immobilienmarkt zu studieren. Unser neues zu Hause sollte auch nicht mehr in Salzburg, sondern in Wien aufgebaut werden, dort hatten wir vor 44 Jahren gestartet, dort lebten unsere drei Kinder, die 9 Enkelkinder, da wollte er wieder hin.

Ich fühlte mich wie von einem Tsunami erfasst und mit einem Schlag sah ich nur mehr, was ich alles aufgab: Meine Freunde, meine Therapeuten, meine Ärzte, meine Lieblingsspaziergänge, mein Seniorentanzen mit den Bäuerinnen des Dorfes. Nicht zu vergessen der Blick auf die Berge mit dem ich jeden Tag begann.

Aber ich konnte doch auch nicht, selber schon längst in Pension, von meinem Mann verlangen, dass er sich zu Tode arbeitet.

Als ein Maklertermin schon ausgemacht war und ich sah, wohin ich in Zukunft schauen würde, nämlich auf die Wand des gegenüberliegenden Hauses, anstatt auf meinen Untersberg, zog ich die Notbremse, Vollbremsung .

Vielleicht später, aber jetzt war ich noch nicht reif dafür. Den Makler schickte ich heim. Mein ungetrübtes Leben hatte mich wieder. Aber auch ich stellte im Sommer fest, unsere "Quadratmeter" sind viel Arbeit und vor allem, wir brauchen sie nicht mehr, vielleicht nur mehr die Hälfte.

Letzte Wochen wurde ich mit ein paar voneinander unabhängigen Aussagen bzw.Fragen konfrontiert:

*ein Ausspruch meines Bruders: Ich brauch kein Eigentum mehr, es ist nur Last.

*Ausspruch einer Politikerin: Die Alten wohnen in viel zu großen Wohnungen, die Jungen bräuchten den Platz.

*Die Frage eines Neffen: " Wieviel müsste man dir geben, dass du dich von deinem Haus trennen würdest?" Eine verrückte Zahl wurde genannt, bei der an einen Verkauf gedacht würde.

Jetzt bin ich auch in das Spiel eingestiegen und es ist nicht nur mehr ein Spiel. Was müsste passieren, dass das für mich eine Option wäre? Ich beginne mich damit auseinander zu setzen. Es wird mir nicht mehr draufgedrückt, oder "drübergestülpt", sondern ich bin plötzlich Akteur und damit verknüpft ergeben sich auch Perspektiven. Aus meiner früheren Panik wird eine Chance für mich.

Wer weiß, wo wir landen werden, lassen wir uns überraschen und zu dem Thema passend, erteile ich meinem 4 Jährigen Enkel das Wort:

Er beobachtete mich im heurigen Sommer beim Wäsche aufhängen, dann begann er zu sinnieren." Oma du bist eine alte Frau, eine sehr alte Frau". Nach einer kurzen Pause fährt er fort:" Ich glaub`, du wirst bald sterben" und nach einer langen Pause, fast fröhlich: "Und dann zieh ich da ein".

© Aden