Als ich in Wien den Boden küsste

Ich hatte in Wien bei meinem Enkel Babysitterdienst und wollte mich vorher im Hotel noch ein bisserl ausruhen.

Schnell durchschritt ich die "Tuchlauben".

Und dann passierte es. Ich stolperte über einen Kanaldeckel und jetzt begann in Zeitlupe ein Film abzulaufen. Ich bekam Schieflage und versuchte meine Beine nach vorne zu bringen. Ich realisierte, dass sich das nicht mehr ausgehen würde. Der Boden kam rasend schnell immer näher, bis es mit einm eigenartigen dumpfen Knall zu Ende war. Kein Schmerz, dafür ein Schock und die Gewissheit, dass mein Gesicht etwas abgekriegt hatte.Schon kümmerte sich ein junger Mann um die Rettung, was mir nicht recht war. Eine ältere Dame, die sich als pensionierte OP-Schwester vorstellte, ließ kein Widerrede zu : "Das gehört genäht".

Ich war so verzweifelt und kam mir uralt vor und das 2 Monate vor meinem 60 .Geburtstag. Jetzt war mir auch klar, Babysittten würde ich heute nicht mehr. Zwei Rettungsmänner halfen mir auf, ich zitterte am ganzen Körper, unendlich deprimierrt, dass mir das passiert war.Wir fuhren das Lorenz Böhlerkrankenhaus an.

Wundversorgung, röntgen, nähen und Tetanus-Impfung erfolgte ohne Komplikation. Die 2 jungen Ärzte, die mich versorgten, unterhielten sich währenddessen über ihre geplanten "Freerideraktivitäten" am Wochenende. St. Moritz, oder Tirol standen am Programm.

Einen 2. depressiven Schlag erhielt ich, als mich der eine Arzt fragte, ob ich eine Gehhilfe habe. Vor ein paar Tagen hatte ich spaßhalber einen Rollator als Gruppengeschenk für meinen runden Geburtstag vorgeschlagen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass dies so schnell ein Thema sein würde.Eine tiefe Traurigkeit überkam mich und ich stellte wieder einmal fest, dass ich noch weit davon entfernt war, den Parkinson mit all seinen Folgen anzunehmen.

Am Nachmittag besuchte ich meinen 3 jährigen Enkel.Wir fuhren tausende Kilometer mit dem Zug,(4 Sessel hintereinander) ich in der verantwortungsvollen Rolle des Zugführers. Unser Ziel war das Meer und wir mussten gegen Horden von Haifischen kämpfen, die überall auf ihre Beute lauerten.Nachdem wir diesen Kampf erfolgreich bestanden hatten, wuchs bei mir schön langsam wieder das Gefühl, doch noch zu etwas zu gebrauchen zu sein. Meine Stimmung stieg.

Bei Gesprächen mit Freundinnen und Verwandten stellte ich erleichtert fest, dass solche Stürze auch Leuten ohne Parkinson passieren und ich ein riesen Glück hatte.

3 Tage später schrieb ich meiner Freundin ein Mail: Liebe..I,

ich habe es dem Papst nachgemacht und in Wien den Boden geküsst...Spaß beiseite,es hat mich, nach einem Stolpern über einen Kanaldeckel auf die "Gosch`n g`haut". Es kam auch nicht das Papamobil, sondern die Rettung. War nicht so witzig, wurde am Kinn genäht und schaue jetzt aus,als hätte ich eine "Praterschlägerei" gehabt.

Mail folgte auf Mail, ein abschließendes Telefonat folgte und wir lachten und lachten und "zerkugelten"uns...auch das ist Problemaufarbeitung.

© Aden