Elfriede

Ich bin die Jüngste von 5 Kindern. Als ich zwölf Jahre alt war, bekam ich innerhalb ein paar Tagen noch eine Schwester.

Meine 15 Jahre ältere Schwester war Sozialarbeiterin. Bei einem ihrer Außendienste machte sie einen Besuch bei einer Försterfamilie in einem abgelegenen Tal. Sie betreute hier ein 12jähriges Pflegekind und musste sich in regelmäßign Abständen überzeugen, wie es dem Kind geht.

Nach einem langen Fußmarsch angekommen, erklärte ihr die Försterin, dass sie das Pflegekind nicht mehr behalten wolle . Der Grund dafür war, dass die Volksschule im Dorf aufgelöst würde, die Kinder ins nächstgrößere Dorf fahren müßten. Dabei rechne sie mit höheren Kosten, kurz und gut,es würde sich für sie nicht mehr rentieren. Meine Schwester versuchte die Pflegemutter zu überreden, umzustimmen,woher sollte sie denn so schnell einen neuen Pflegeplatz bekommen. Die Frau des Försters beendete das Gespräch mit den Worten:"Nemmts es na glei selber, habt`s eh a groß` Haus".

Zuhause erzählte meine Schwester den Vorfall. Mein Vater wurde still und antwortete nach kurzer Zeit : "Ich weiß, was eine schreckliche Kindheit bedeutet, das Haus ist groß genug, wir nehmen sie".

Meine Großmutter war fassungslos, war denn nie ein Ende mit dem Kindersegen?

Am übernächsten Tag war Elfriede, als ich von der Schule heimkam, schon da. Meine Mutter hatte die Kleider, die sie am Leib trug, im Küchenofen verbrannt. Das hieß etwas bei meiner sparsamen Mutter. Eine Bekannte hatte uns einen ganzen Koffer mit Kleidern gebracht, die ihrer Tochter zu klein waren. Teilweise wurde auch auf meine Garderobe zurückgegriffen, vor allem am Anfang.

Elfriede teilte mit mir mein Zimmer und orientierte sich stark an mir. Es war für sie so viel neu, vom Wasserklo bis zum Silberbesteck.

Blieb zu Mittag etwas über, dann bekam es der, der am schnellsten war. Einmal war ich ihr zuvorgekommen. Das Schnitzel von Mittag war in meinem Mund verschwunden. Zornig rief sie:"Dein ganzes Leben hast du schon Schnitzel gegessen und jetzt ißt du mir das auch noch weg."

Wir waren ihr 12. Pflegeplatz, Gott sei Dank ihr letzter.Sie gewöhnte sich schnell an die neue Situation. Meine Eltern sprach sie von Anfang an mit Mama und Papa an , von ihrer leiblichen Mutter sprach sie von der Amanda. Natürlich gab es auch Probleme. Am Geldtascherl meiner Mutter bediente sie sich einmal, nach einem Gespräch nie wieder.

Für mich war es auch nicht ganz leicht, sie überall hin mitzunehmen und manchmal empfand ich sie wie einen Schatten, den ich nicht mehr los wurde.

Elfriede machte schulische Fortschritte, hatte in Wien die Ausbildung zur Kinderpflegerin abgeschlossen, hatte mit Anfang 20 einen Job, war verlobt, endlich schien sie angekommen zu sein..

Im Sommer fuhr sie mit ihrem Verlobten ans Meer. Während des Urlaubs wuchs ihr ein Bauch. Der aufgesuchte Arzt vermutete eine Schwangerschaft, mitnichten, es war ein Karzinom. Es konnte ihr nicht mehr geholfen werden. Nach einem 1/2 Jahr war sie tot.

© Aden