Hommage an die "Tant"

Wenn ich in Salzburg durch die Rainerstraße fahre, dann sehe ich dich noch immer dort stehen, mit deinen Sackerln, mit der Stickerei, oder Strickerei und der Tasche mit deiner Schmutzwäsche, die du immer bei mir gewaschen hast.

Jeden Montag hab ich dich dort abgeholt, bis zu einem Montag, an dem du telefonisch nicht erreichbar warst,nicht um 8, nicht um die Mittagszeit...

Wenn du dann bei mir zuhause warst, die Waschmaschine gelaufen ist, die Tasse schwarzer Tee vor dir stand, die Stickerei auf deinem Schoß lag, dann hast du erzählt, von den Ahnen, Geschichten, Geschichten und noch einmal Geschichten.

Ich hab meine Ohren zugeklappt, was interessierten mich die Ahnen, hab auf "Durchzug" geschalten.Gott sei Dank ist manches trotzdem hängen geblieben.

Wie tut mir das heute leid, denn jetzt bin ich die, die erzählt, die interessiert ist und meine Kinder schalten auf "Durchzug". Wie würdest du es formulieren:"Sie haben (noch) keinen Familiensinn".

Du hast mich in Vielem unterstützt, bist immer hinter meiner Ausbildung gestanden, warst großzügig und hattest in meiner Familie "Großmutterstatus".

Die Selbständigkeit der Frau, ihre Gleichberechtigung war dir wichtig. Und was für die damalige Zeit ungewöhnlich war, du bist für eine freiere Sexualität eingetreten, hast immer wieder betont, dass die jetzige Jugend, es besser macht.

Das kann man vor allem aus deiner Geschichte verstehen.

Körperfeindlich erzogen in einem Institut für "höhere Töchter"heiratete deine Mutter 1918 einen K.u.K-Offizier. Körperfeindlichkeit war nicht das Thema der K.u.K.- Offiziere.

Diese Ehe hat die Hochzeitsnacht nicht überstanden. Am nächsten Tag stand deine Mutter wieder vor der Tür ihrer Eltern und verkündete, nie wieder zu diesem Mann zurückzukehren.

Das zog sie konsequent durch, eine Scheidung war für sie aber auch keine Option, noch dazu, wo sie feststellte schwanger zu sein.

Wie konnte sie das Leben für sich und das Kind finanzieren. Sie bekam wohl auch ein bisserl Geld von deinem Vater, aber die Basis mußte sie selber schaffen.

Alles was sie an Ausbildung hatte, nahm sie als Grundlage ihrer Berufstätigkeit, die auf zwei Beinen stand:

1. Standbein: Fremdenführerin in Salzburg in englischer und französischer Sprache.

2. Standbein:deine Mutter war eine stadtbekannte, begnadete Nachhilfelehrerin, in Mathematik, Englisch und Französisch.

Diese Begabung hatte nicht nur deine Mutter. Ich erinnere mich noch, wie du unserer Tochter beim Lernen zum Chemierigorosum allerhand erklärt hast.

Die "höhere Töchterschule" hatte eine gute Ausbildung geliefert und du hattest, eine Generation später, bereits einen akademischen Abschluss.

In der ganzen Familie wusstest du am meisten über die Vorfahren, wie schade, dass du dein Wissen nicht schriftlich hinterlassen hast....

...bis zum besagten Montag, an dem du dich nicht gemeldet hast, du nicht erreichbar warst.

Wir fanden dich tot in deinem Bett, 14 Tage vor deinem 80. Geburtstag.

© Aden