Julie, meine Großmutter

Ein 3.Mal versuche ich über dich zu schreiben, dir gerecht zu werden, deine Persönlichkeit darzustellen, mich mit dir auseinander zu setzen.

Fällt es mir so schwer, weil deine Persönlichkeit neben den anderen Frauen aus der Familie etwas farblos scheint, oder weil mir jemand einmal an den Kopf geworfen hat, dir ähnlich zu sein.

Ich kenne dich seit meiner 1. Stunde und du warst keine Oma, die ihre Enkel verwöhnt hat. Vielmehr begleiteten deine Sätze, wie"Patschen anziehen, Licht abdrehen, oder Tür zu machen",unsere Kindheit.

Ich hab dich auch für viele Konflikte in unserer Familie verantwortlich gemacht. Die Beziehung bzw. "Nichtbeziehung" zwischen dir und meinem Vater war offensichtlich und trotzdem bist du nach dem Tod deines Mannes bei uns eingezogen und bist nicht mehr gegangen. Du hast am Anfang auf dem Diwan in der Küche geschlafen, bis der Anbau getätigt wurde, in Tamsweg stand deine Wohnung, nicht benützt.

Warum zieht man zur Familie der Tochter, wenn man den Schwiegersohn nicht ausstehen kann ? Ihr habt euch nie die Mühe gemacht, ihn kennen zu lernen. Er konnte es nie mit seinem Vorgänger, der Arzt war, aufnehmen.

Eine Frage, auf die ich eine Antwort suche.

Hast du dir ein Alleinleben nicht zugetraut?

Oder warst du in Sorge, deine große Enkelin könnte im Haushalt der jungen Familie unter die "Räder" kommen?

Bei der Recherche finde ich nur Fotos von Julie, auf denen sie immer traurig dreinschaut. Mit einer einzigen Ausnahme: In einem Bildband, ich glaube, er hieß "Tamsweg in alten Ansichten" entdecke ich ein Bild von einer Tanzveranstaltung in St. Andrä. Darauf abgebildet ist meine Großmutter, in den Armen eines jungen Mannes. Ihr Blick ist auf ihren Tanzpartner gerichtet. Es ist nicht nur ein Strahlen,so stellt man sich Liebe offensichtlich vor.

Die Hintergrundgeschichte liefert meine Mutter: Julie war mit diesem Mann verlobt, ein Bursch aus der Nachbarschaft, Student der Geometrie. Er kam mit dem Studium nicht so recht voran und Julies Vater hielt nicht viel von ihm, weil er nichts hatte, nichts war und nichts glaubte.

Als der neu zugezogene Sparkassenverwalter aus bestem Salzburger Haus Julie umwarb, drängte ihr Vater sie, die Verlobung mit dem Studenten zu lösen. Julie war seine jüngste Tochter von sieben . Er wollte sie versorgt wissen. Julie kam den Erwartungen des Vaters nach, trennte sich von ihrem Verlobten und verlobte sich mit Paul. Mit ihm lebte sie in der gleichen Gasse, wie ihr ehemaliger Verlobter, ein paar Häuser weiter unten, weiter oben, er mit seiner Frau. Sein Schwiegervater hatte dem Studenten das Studium fertig finanziert. Er dankte es ihm und heiratete seine Tochter.

Bei der Gelegenheit möchte ich meiner Großmutter, die nie getätigte Wertschätzung in Vertretung der ganzen Familie entgegenbringen:

Du hast dein ganzes Geld in unsere Familie gesteckt und das war viel, dein ganzes Geld!

Ich glaube nicht, dass unsere Ausbildungskosten ohne dich finanziert werden hätten können.

Dank dir dafür!

© Aden