"Oh Gott, wie schlimm"!

Fast bin ich erleichtert, als die Neurologin die Diagnose ausspricht. Ich bin zu ihr gekommen, um mir das bestätigen zu lassen, wovor ich mich jetzt 2 ½ Jahre gefürchtet habe. Es ist ein „Parkinson“!

Mit der Straßenbahn fahre ich zurück, alle möglichen Gedanken kreisen in mir.

Sofort entsteht das Gefühl, es niemandem sagen zu wollen, wie damit umgehen, dass nichts mehr so ist, wie vorher?

Am Abend sind wir bei unserem Sohn eingeladen. Ich krieche mit meiner 3jährigen Enkelin am Boden herum und der Parkinson mit.

Ohne Furcht gehe ich mit meinem Mann ins Hotel, durchs nächtliche Wien…alles ist gut.

Am nächsten Tag will ich sofort mein Medikament, ich, die sich das ganze Leben nie mit Medikamenten anfreunden konnte.

In der Kärntnerstraße sitze ich auf einem Bankerl, um den Beipackzettel zu lesen. Ein schwieriges Unterfangen, der Zettel ist zugeklebt, bei einem Parkinsonmedikament besonders nett, wenn die Feinmotorik nicht mehr so gut funktioniert.

Aber erst muss einmal der Inhalt verdaut werden. Mögliche Nebenwirkungen: Spielsucht, Kaufsucht, hemmungslose Sexualität und Tabulosigkeit…

Da schluck ich schon, aber habe ich eine Alternative?

Mittags treffen wir meinen Bruder und meine Schwägerin. Ihre tiefe Erschütterung und Betroffenheit geht mir sehr nahe. Aber das ist erst der Anfang.

Meine 2. Schwägerin bricht in Tränen aus.

Es geht ähnlich weiter. Meine Chefin umarmt mich und mit gedämpfter Stimme: „Du wirst ja froh sein um jede Unterrichtsstunde, denn zu Hause sein, mit dieser Diagnose“…

Irgendwas läuft da falsch. Zu Hause bei der Gartenarbeit finde ich wieder meinen Seelenfrieden.

Von Besuchen in der Schule habe ich fast Angst. Ein Kollege reißt seinen Mund so auf, es schaut aus wie ein Kreis. Wie bei den kitschigen Weihnachtsengerln, er bekommt ihn nicht mehr zu und hält nach einiger Zeit die Hand vor den offenen Mund.

Mein Gefühl im falschen Film zu sein, steigt immer mehr. Weiß ich da etwas nicht, was alle anderen wissen?

Und was besonders spannend ist, viele haben das schon immer gewusst, das ist ein „Parkinson“…, blöd, dass sie nicht mit den 7 Ärzten Kontakt hatten, die das leider nicht gewusst haben.

Unheimlich wohltuend auch die Reaktion der bunten und schrillen Verwandtschaft meines Mannes: „Tua da nix an, es gibt schlimmeres“, wie wahr!

Gestern ein Anruf eines Verwandten (Arzt):

„Ich hab´ghört, du hast einen Morbus Parkinson, eine scheußliche Krankheit, wirst immer steifer, aber verlier nicht den Mut“ was für ein Trost.

Den Vogel schießt ein behandelnder Arzt ab. Er erzählt von einem Patienten, der 3 Grünphasen braucht, um die Straße zu überqueren.

Ich brauche wieder Stunden, um das zu verdauen. Die Diagnose zu erfahren, war weniger schlimm, als die Reaktion meiner Freunde und Verwandten, die es alle gut mit mir meinten.

© Aden