Rosarote, großgeblümte Flanellbettwäsche

Meine Großmutter väterlicherseits (1896-1970) war Magd an einem großen Innviertler Bauernhof.

Mit ihr assoziere ich, als erste Eindrücke, diese rosa Bettwäsche. So etwas schönes hatte ich damals ca. 5 Jährige noch nie gesehen. Diese Bettwäsche hatte es mir angetan, nicht zu vergleichen mit der Wäsche meiner Mutter,weiß, fad, Damast mit Filethäkelei, natürlich Handarbeit, nicht umzubringen.

Die nächsten Erinnerungen sind seltene Besuche im Altersheim, eine traurig dreinschauende Frau, die wenig redet.

Letzter Eindruck: Begräbnis derGroßmutter.

Erzählt wurde immer wieder von ihr und ihrer Geschichte, die man nicht so schnell vergißt.

Nachdem ich mehr von meiner Großmutter wissen und nicht bei der Bettwäsche stecken bleiben wollte, nahm ich Kontakt mit ihrer letzten noch lebenden Tochter auf, um alles über Gr0ßmutter zu erfahren, um mir ein Bild von ihr zu machen.

Großmutter Theresia wurde während der ganzen Zeit ihres Dienstverhältnisses vom Bauern und einem seiner Söhne sexuell mißbraucht. Das geschah so lange, bis sie schwanger wurde. Nach der Geburt jagte man sie vom Hof, das Kind(mein Vater) blieb am Hof. Als Knecht könnte er ja später nützlich sein. Es wurde nie die Vaterschaft geklärt, der Einfachheit halber wurde der 17jährige Sohn in der Geburtsurkunde angegeben.

Viele Jahre später las mein Vater den Roman von Franz Innerhofer:"Schöne Tage". Mein Vater bekam nasse Augen und sagte, " es ist, als hätte Innerhofer meine Kindheit beschrieben".

Theresia suchte sich auf einem anderen Hof Arbeit. Die Geschichte wiederholte sich. Die Magd war wieder Freiwild für den Bauern.

Ich war entsetzt: Waren wir im Mittelalter oder in den 20er Jahren des 20ten Jahrhunderts. Meine Tante sah dies pragmatisch. Trocken sagte sie:"Es war so, Mutter war kein Einzelfall".

Theresia gelang es schlußendlich, aus dieser sich ständig wiederholenden Situation auszusteigen. Ein Torfstecher heiratete sie und mit ihm hatte sie noch einmal 3 Kinder.

Meine Tante erzählte, dass die Großmutter die ganze Familie tyrannisiert hatte. Die Volksschullehrerin setzte sich für meine Tante ein und wollte ihr eine weitere Schulbildung ermöglichen, die die Familie finanziell nicht belasten würde. Großmutter antwortete theatralisch:"Nein,dann häng ich mich auf".

Anscheinend führte sie in ihrer Schürtzentasche ständig einen Strick mit. Lief in der Familie irgendetwas nicht so, wie sie das wollte, war der Strick schon zur Stelle. Kein Wunder, dass Großvater ein außergewöhnlich stiller Mann war.

Als mein Vater seine Mutter viele Jahre später besuchte, war sie gerade dabei, eine ihrer Töchter zu verkuppeln, an einen alten Mann, die rosa Flanellbettwäsche war schon gerichtet.

Sie war nicht die einzige, die als Opfer später zur Täterin wurde.

Mit rosa Bettwäsche habe ich heute so mein Problem, lieber doch langweiliger Damast mit Filethäkelei,natürlich Handarbeit weiß, fad, nicht umzubringen.

© Aden