Zauberberg, Auszüge aus meinem Tagebuch

Der Auszug aus Ägypten war nichts gegen meinen REHA-Start. Das Auto voll bepackt, Lesestoff für Monate, Strickzeug, Fotos meiner Familie, Mannerschnitten, für jeden Tag eine.

Das Ankommen war heftig.Bei der Rezeption fast nur Rollstuhlfahrer, Rollatorfahrer und Behinderung, soweit das Auge reicht. An der Rezeption erhalte ich sofort ein Armband mit Namen und Versicherungsnummer."Damit sie uns nicht verloren gehen", war der Kommentar. Wo bin ich da gelandet?

Eine Angestellte führt mich an einen langen Tisch, wieder sehr viel Leid. Am Ende sitzen 2 Frauen, die nicht einmal aufschauen, alle anderen dürften schon gegessen haben, ein Wassersee am Tisch und ein bräunlicher See am Boden. Ich hoffe, dass es nicht das ist, was ich glaube.

Das Mittagessen verzehre ich mit wenig Appetit und ich bin ein bisserl traurig (Die Situation erinnert mich an meinen ersten Tag im Internat).

Aber es geht schon und ich sehe zum ersten Mal den Traunstein in all seiner Pracht.

Am nächsten Tag lerne ich die vollzählige Tischrunde kennen, bis auf die 2 Damen eine oberösterreichische Herrenrunde: Der "Rübezahl" heißt Roman, er ist Baggerfahrer und wenn er redet, verstehe ich kein Wort.( Bad Goisener Dialekt). Dann gibt es noch den Hans und 2 Andis,2 Bandscheibenvorfälle, einen Schlaganfall und eine MS. Da läuft der Schmäh, dass es eine Freud ist.

Vor den Untersuchungen, beim Warten lernt man die einzelnen Leute kennen. Und da passiert etwas, was schwer zu beschreiben ist. Man hat nicht mehr das Gefühl, alle sind gesund, nur ich habe etwas, sondern es gibt noch viel schlimmere Scheußlichkeiten. Und als Kontrast der Traunstein, schöner kann eine Landschaft nicht sein.

Ich muss an den Zauberberg von Thomas Mann denken. Der Trainingsanzug löst zwar die Abendrobe ab, aber das Morbide ist auch stark vertreten, ebenso wie das Vorhandensein aller Typen der Gesellschaft.

Plötzlich stelle ich fest: Ich gehöre dazu, zu dem Haufen behinderter, durch Einzelschicksale aus der Bahn geworfener Menschen. Aus dem "die da" ist ein "wir"geworden.

Die Tage verfliegen, mein Mannerschnittenvorrat wird kleiner.

Unvergessliches Erlebnis während eines Abendessens: Alle sitzen vor Ofenkartoffeln, als eine alte Frau beschließt, nach dem Verzehren ihrer Ofenkartoffel ihr Leben zu beenden und vom Balkon springt, vor unser aller Augen.

Ich will nie wieder Ofenkartoffel essen!

Ein Erlebnis der besonderen Art hatte ich heute beim Abendessen. Ein alter Mann zog nach Beendigung seines Essens genüßlich seine Zähne aus dem Mund und schleckte sie von allen Seiten ab.

Ich bin nicht mehr die Selbe, die vor 3 Wochen das Haus betreten hat. Es schreckt mich keine Behinderung mehr, es ist normal geworden.

Meine Tage in der REHA neigen sich dem Ende zu. Wie bin ich gekommen und wie gehe ich?

Ich möchte diese 4 Wochen nicht missen, es waren für mich neue Erfahrungen, die mich verändert haben, ich will sie aber nicht unbedingt noch einmal machen.

© Aden