Auch Laster können sich lohnen

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Auch Laster können sich lohnen | story.one

Die Gerichtspraxis verschlug mich in das BG Riemergasse, Wien 1, das Gericht mit der größten Außerstreitabteilung Österreichs. Außerstreit erfüllte mich mit Geringschätzung und Abneigung - erwies sich aber als der größte Krimi, den ich bei Gericht erlebte. Wir waren nämlich auch für die Angelegenheiten aller ins Ausland geflüchteten Österreicher ( insbesondere vor den Nazis nach Südamerika) zuständig, die oft große Schätze in Wiener Institutionen lagernd hatten. Vor allem aber sorgte wöchentlich ein Fixtermin mit dem Psychiater in Steinhof, um über die Zulässigkeit der Anhaltung zu entmündigender Menschen zu entscheiden für Spannung. Oft war ich vor Traurigkeit den Tränen nahe, wenn wir die riesige „Irrenstadt“ verließen.

Interessant war aber auch das Innenleben im BG. Der Richter, Friedrich Wilhelm K., Typ Preussischer Vorzugsschüler äußerst jung, galt als einziger im Sprengel, der alle Entscheidungen des OGH auswendig im Kopf und eine große Karriere vor sich hatte. Im Vorzimmer herrschte reger Betrieb und ich fühlte mich bald heimisch: Chefsekretärin Ingrid gab sich gerne keck, setzte sich mit überschlagenen Beinen auf die Schreibtischkante, Rechtspfleger Sepp plagte sich mit hochrotem Kopf und Friedrich W. K. dirigierte im dunklen Maßanzug das Geschehen. Als er aber bemerkte, dass ich ungeniert rauchte, stellte er mich zur Rede und stellte mir die Frage, ob ich denn als intelligenter Mensch nicht wüsste, dass das Rauchen der erste Schritt zu einer Geisteskrankheit sei. Damit er durch mein Laster nicht beeinträchtigt werde, besorgte er mir mit viel Mühe ein eigenes Arbeitszimmer, um überhaupt jede Rauchbelästigung in seinem Bereich auszuschalten.

So wurde ich zum einzigen Gerichtspraktikanten, der ein eigenes Büro hatte und damit zum privilegierten und begehrten Gesprächspartner für alle, die in den Genuss meines Separees kommen wollten.

Aber es gab auch Tage, an welchen Friedrich Wilhelm auf meine physische Präsenz zurückgriff. So eines Tages als sich ein Insasse in Steinhof für einen Besuch anmeldete. „ Herr Kollege kommen Sie schnell, räumen sie alle als Waffe geeigneten Gegenstände weg und bleiben sie an meiner Seite.“ Es kam ein mickriges Manderl mit der Bitte um etwas Bargeld aus seinem Depot. Friedrich schrie „haben Sie schon ihr ganzes Taschengeld verbraucht und das mit Alkohol und Weibern?“ Der Verdatterte entschuldigte sich und meinte „A bisserl was derf i woi anu vom im Lebn“

Beim nächsten Besuch in Steinhof präsentierte sich der arme Sünder als Chef der Küchenbrigade wohl gelaunt mit einem riesigen Messer in der Hand. Der Einzige, der an Angst dachte, war wohl ich.

Ich hatte mit Friedrich W.K. noch viele einzigartige Erlebnisse. Als ich Jahre später bei einem Wien-Besuch nachfragte, wo er gerade auf der Karriereleiter befinde, erfuhr ich, dass ihn sein Charakter und Schicksal auf einen völlig anderen Weg geführt hatten. Er saß wegen Mordes lebenslänglich hinter Gittern.

© adi 19.08.2019