Dem Teufel entronnen

  • 84
Dem Teufel entronnen | story.one

Dem Nikolaus und Krampustag stand ich in meiner Kindheit mit mehr als äußerst gemischten Gefühlen gegenüber: Ich hasste das scheinheilige Sündenbekenntnis gegenüber der frommen Erscheinung und fürchtete mich andererseits ungeheuerlich vor dem Krampus, dass er mich vielleicht kopfüber in seine Putte steckte und mich ins Höllenreich verfrachtete. Doch irgendwann verlief dieser fürchterliche Tag etwas anders.

Keine Nikolausfeier war angesagt, es war ein klirrend kalter klarer Abend und alles schien still und leise. Onkel Hans meinte, er möchte noch ein wenig „auf die Gasse gehen“ und schauen, was sich im Dorf so rühre. Er nahm mich unter Vorbehalten mit: „Wenn wos is, schau dassd schnö hoamkimmst, wei auf die kloan Buam gegans gern los.“ Still und vorsichtig gelangten wir über die Müller Wiese auf die Hauptstrasse vor Hannerl-Omas Haus. Ich glaubte irgendwo das Rasseln von Ketten zu hören, zu sehen war aber nichts. Doch auf einmal öffnete sich das Tor zum Zinggl-Haus und ein wunderschöner aber ziemlich klein geratener Nikolaus schritt würdig auf die Straße. Onkel Hans und ich schauten uns lächelnd an, da erscholl ein undefinierbares Gebrüll und ein riesengroßer Krampus stampfte aus dem Tor. Mich überkam der unwiderstehliche Drang, die Beiden zu beleidigen und obwohl ich nicht mit den grauslichen Ausdrücken der Mundart vertraut war, schrie ich aus vollem Halse: „ Der Niklo mit dem zotterten Lo.“ (Der Nikolaus mit dem zottigen Loch)

Die Beiden erstarrten und blickten suchend um sich, da wiederholte ich den fürchterlichen Schmähruf nochmal mit lautester Stimme. Es musste sich um eine fürchterliche Beleidigung des Heiligen Nikolaus gehandelt haben, ich vermute es handelte sich um einen Ausdruck, der der weiblichen Genitalszene zuzuordnen ist. Der riesige Krampus stürzte mit fürchterlichem Gebrüll in unsere Richtung. Ich rannte Richtung Hautplatz und dann rechts hinunter Richtung Elternhaus. Es war bitterkalt, die Straße beinhart gefroren und trotzdem brannte die Sohle unter meinen Füßen. Es war vermutlich der schnellste Lauf meines Lebens. Rundherum kein Platz zum Verstecken, beim Postamt vorbei die steile Gasse hinab – gottseidank der Vater hatte in seiner Werkstatt noch Licht. Gartenzauntüre aufreißen, Werkstatttüre auf: „hüf ma!“ Gottesiedank war er Vater schnell von Begriff, öffnete eine Kellertüre hinter der Werkstatt und schob mich in den dunklen Raum und wälzte ein frisch bearbeitetes Holzfass vor die Türe. Ich war im Geheimverlies aus der Russenzeit und nur ein winziges Lüftungsfenster verschaffte mir etwas Luft. Mit fürchterlichem Gebrüll riss der Krampus die Tür auf und wütete suchend herum. In meiner hoffungslosen Lage wurde die Zeit zur Ewigkeit und ich wurde erst herausgelassen, als Onkel Hans auf der Suche nach mir erschien und erklärte, dass die Luft nun rein sei.

Der Nikolaus war im Übrigen unsere junge hübsche Volksschullehrerin und später die Ehefrau des schrecklichen Krampus.

© adi 06.07.2019