"Wir schaukeln und die Russen kommen"

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"Wir schaukeln und die Russen kommen" | story.one

Es war ein milder, sonniger, ruhiger und erwartungsvoller Nachmittag Anfang April. Meine Schwester Mitzi und ich hatten aus Langeweile eine Schaukel im „Hof“, dem ebenen Platz vor Vaters Werkstatt, hergerichtet. Die Schaukel bestand aus einem langen Holzbrett, das über einen Holzbock gelegt wurde. Im Nachbarhaus war der älteste Sohn mit dem Ausmisten des Schweinestalls beschäftigt. Auf einmal schrie er: „Die Russen kommen! Die Russen kommen!“. Von lautem Pferdegetrappel erschreckt, sprang Mitzi vom Brett, so dass ich unsanft zu Boden fiel - und sie lief einfach davon.

Die Reiter galoppierten zum Hauptplatz, umrundeten die Kirche und ritten wieder die Straße hinunter am Friedhof vorbei. Kurze Zeit später trafen wir uns in der Küche, die auch als Arbeitszimmer unserer Mutter diente, wieder und sahen durch das Fenster eine nicht enden wollende Pferdekollonne der Russen mit Geschützen die Straße hinaufziehen. Ein Offizier trat mit Dolmetscher und Begleiter ein, zeigte eine Landkarte, auf der eine Straße über Haberl nach Mönichkirchen eingezeichnet war, und wollte eine genauere Wegbeschreibung. Hans Onkel erklärte ihm, dass es hier keine Straße gibt, sondern nur kaum befahrbare Feldwege. Der Russe wollte dies aber nicht zur Kenntnis nehmen. Auf einem der Pferdefuhrwerke sahen wir auch einen jungen Mann, der noch vor einigen Tagen als SS Soldat im Dorf gewesen war.

An einem der nächsten Tage herrschte große Aufregung. Ein englischer Kriegsgefangener wurde angeschossen auf einer Bahre vor unser Haus gebracht. Die englischen Kriegsgefangenen waren im „Armenhaus“ und später im Gemeindeamt untergebracht. Sie wurden beim Herannahen der Russen zu den Osterfeiertagen vom Gefangenenwächter Reichmann (Vertreter war zeitweise Großvater Josef Pfeffer) über ihren Wunsch unbewacht gelassen und waren alle geflüchtet.

Der verletzte Engländer hat Tage im Bauernhof verbracht und die Tochter des Hauses vor den herumschweifenden Russen beschützen wollen.

© adi 12.05.2019