Freude am Klavier

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Freude am Klavier | story.one

Nach Jahren der musikalischen Abstinenz von den Klaviertasten mit Unterbrechungen für heilige Anlässe und vor allem den „Schneewalzer“ , bei dem mein Bruder Josef an der Geige und ich flehentlich um Schnee vor Weihnachten spielten, gab es im Sängerknabenkonvikt einen völligen Neustart. Wir wurden rigoros auf unsere stimmlichen und sonstigen musikalischen Fähigkeiten abgetestet und unser phantastischer junger ungarischer Musikprofessor überredete mich, bei ihm als Klavierspieler einzutreten. Ich machte in kurzer Zeit ganz erstaunliche Fortschritte und fand schon beim abendlichen Übern Zuhörer aus unserer vier Gymnasialklassen. Eines der Geheimnisse hinter meiner Leistungsexplosion war ein fürstlich einsames Klavierzimmer: Es befindet sich in dem rechtsseitig vom Haupteingang gelegenen Erker im ersten Stock. Dort üben zu dürfen, war ein Privileg - für mich ein einzigartiges. Man muss sich vorstellen, dass unser Konviktsschüleralltag von fünf Uhr morgens bis neun Uhr abends streng geregelt war. Es gab praktisch – für meine Maßstäbe als frei aufgewachsener Landknabe – keinerlei persönlichen Freiraum. Nun hatte ich wenn auch jeweils auf Stunden begrenzt, in dem wunderschönen Erkerzimmer gefunden. Meine Freude, allein sein zu dürfen und zu spielen war grenzenlos. So hüpfte ich von Stück zu Stück und fand schließlich bei Diabelli Melodien und Läufe, die mich gewaltig reizten. So lieferte ich mir ständig einen gnadenlosen Wettkampf um Perfektion und Fingerfertigkeit in den schnellen Läufen. Dies alles führte dazu, dass ich zusammen mit dem alteingesessenen „Primus Osbald“ als Vortragender für eines der eher seltenen großen Feste der Klostergemeinschaft nominiert wurde.

© adi 11.05.2019