Musikalische Episoden

Musik hatte in meinen Familien einen hohen Stellenwert. Mutter ausgebildete Organistin und dem Vernehmen nach die schönste Stimme weit und breit, Vater Kapellmeister und Bläser auf dem Bassflügelhorn, Onkel Hans begnadeter Flügelhornspieler und in (später meinem) Zimmer stand ein riesiger, uralter, verstimmter Flügel. Er stammte von der Familie des berühmten Direktors Piskorsch, der mit eindrucksvoller Figur und strohweißem Vollbart Generationen von Schäffernern durch acht Klassen Volksschule zu beachtlicher Bildung führte.

Dieses Klavier war dazu auserkoren, mich nach der Vorstellung meiner Mutter, die mich musikalisch als außerordentlich begabt betrachtete, so zu bilden, dass ich später in Wien auf das Konservatorium gehen könne. Ich übte auch recht fleißig und mit Spaß und Freude.

So ungefähr einmal pro Woche musste ich in die Wohnung des Direktors um vorzuspielen und neue Aufgaben zu erhalten. Das tat ich auch regelmäßig, wenn auch nicht mit überschäumender Freude, meine Freizeit so zu verbringen. Und es ging auch ganz gut, solange die Frau Reimerth, Gattin des Direktors, selbst Lehrerin und eine schöne Frau mit sanftem Wesen neben mir saß. Zunehmenden Horror entwickelte ich aber, wenn ihr Mann stellvertretend meine Fortschritte kontrollieren musste.. Kniestrümpfe, weiße Knie, über der Lederhose eine große Wampe und einen hochroten Kopf. Kein Mensch kann sich meinen Widerwillen vorstellen, neben ihm sitzen zu müssen. Und so nahm das Unheil seinen Lauf.

Ich glaube es war in den Ferien, ich hatte wirklich wenig Lust bei Schönwetter zu üben und so musste ich in den letzten Stunden vor dem Marsch in die Schule noch schnell alle Aufgaben durchüben.. Ich kam zu „Brüderlein fein“ und Tante Emma, die mich beaufsichtigte, wunderte sich, dass ich schon Stücke in „B-Dur“ spielte. Aber es holperte gewaltig

Fast jedes Mal, wenn das „b“ kam, griff ich zum „h“. Da ich mich darauf gefreut hatte, endlich auch ein Lied zu spielen, das ich auch mitsingen konnte, stieg über mein Ungenügen ins Unermessliche und ich sagte, dass ich mit dem Spielen aufhören wolle und auf keinen Fall zum Reimerth gehe. Emma holte Mami zur Hilfe und beide bemühten sich um mich und redeten mir gut zu. Als ich jedoch wieder das jämmerlich klingende „h“ erwischte, ließ ich die Hände von der Tastatur fallen und schlug von unten mit aller Kraft auf den Rand der Tasten. Von einer Taste löste sich die feine Elfenbeinverkleidung und flog durch den Raum. Die beiden Frauen erstarrten, hatten sie doch noch nie einen derartigen Gefühls- und Gewaltausbruch von mir erlebt. Von da an musste ich nicht mehr neben der schrecklichen Gestalt sitzen und vorspielen - Meine Musikkarriere war für diesen Teil der Kindheit beendet.

© adi