O-beiniges Frühlingserwachen

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O-beiniges Frühlingserwachen | story.one

Der Mai brachte auch wohlig-frische Luft in das Steinfeld, die Mädchen erschienen plötzlich schön, gefühlvoll und aufmerksam und so kam es, dass wir gerne in die Maiandacht in die Neuklosterkirche gingen – und bald war ich mit einem dunkelhaarigen zarten Mädchen unterwegs. Sie kam aus Mariensee, besuchte eine Art Hauswirtschaftsschule, musste täglich im Morgengrauen zur Arbeit jenseits des Bahnhofs und, nicht zu glauben, ich begleitete sie täglich auf diesem Wege. So erlebten wir auch den großen Menschenauflauf anlässlich der letzten Gefangenentransporte aus Russland und fanden zu einer großen geistigen Gemeinschaft.

Aber eines Tages trafen wir uns zu Mittag im Stadtpark, sie musste bald gehen und als ich ihr so nachblickte sah ich mit Entsetzen, dass sie ungeheuer dünne aber sehr ausgeprägte O-Beine hatte. So wie ich mir die Reiter-Nachkommen in Kasachstan vorstellte. Es ist nicht zu glauben, aber das traf mich so entsetzlich, dass das reizende Mädchen für eine dauerhafte persönliche Beziehung nicht ehr in Frage kam. Mit viel Mühe gelang es mir in der Folge Treffen aus dem Weg zu gehen.

Nachgeschichte

Im darauffolgenden Fasching kam mein Alter Volksschulkollege Adolf Waldherr vom Feuerwehrball in Zöbern aufgeregt zu mir „Du musst aber ein wilder Hund sein!“ Er hatte mit einer reizenden Schönen getanzt und wollte ein weiteres Treffen arrangieren. Als er aber sagte, dass er aus Schäffern sei meinte sie, mit einem Burschen aus diesem Kaff wolle sie in ihrem Leben nichts mehr zu tun haben.

Ich selbst bin nie mehr nach Mariensee gekommen, glaube aber, dass das liebe Mädchen sicherlich ein so fantastischer Mensch geworden ist, wie seinerzeit meine Oma, deren Erscheinung und Charakter ein Leben lang beeindruckt.

© adi