Onkel Hans und der Traktor

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Postmeister, Künstler, Landwirt, Bastler und Erfinder - Hans Onkel war auch der beste Freund, den man haben konnte: Als meine Mutter starb (sie 39 Jahre, ich 13), war er der Einzige, der mir Mut geben konnte, als ich in die Fremde ziehen musste, war er der Einzige, der mir Geld mitgab. Den Fünfziger bewahrte ich von Schulbeginn bis nach Ostern unberührt auf, erst das leckere Eis in der Gemischtwarenhandlung in Heiligenkreuz brachte ihn zum Verschwinden.

Er war sehr groß, imposant, ungemein kommunikativ, wahrscheinlich der einzige, der alle Menschen in der Gemeinde in- und auswendig kannte und ein unermüdlicher Gesprächspartner, der Tag und Nacht auch für mich gesprächsbereit war.

Heute möchte ich aber nur von der Landwirtschaft erzählen. Obwohl er praktisch einen steifen Fuß hatte und an der linken Hand Finger fehlten, mähte er das Gras mit der Sense wie ein Weltmeister. Und die Kühe sollten immer das beste frische Gras haben. Deshalb konstruierte er einen zweirädrigen Karren, organisierte leichtläufige breite Gummiräder und vorne eine bequeme Stange mit Griffen. So konnten auch weitere Fahrten abgewickelt werden.

Ich entwickelte mich zum "Lieblingskuli" und war, wenn ich zu Hause war zu jeder Zeit bereit, die beschwerliche Aufgabe durchzuführen. Es war nämlich wirklich nicht leicht, das frischgemähte Gras zu ziehen. Das Geheimnis meiner Stärke lag wohl darin, dass ich in jeder Arbeit eine Trainingsmöglichkeit für meine vielfältigen sportlichen Interessen suchte - für eine Stärkung meiner Muskelkraft in den Beinen, am Rücken und den Armen

So war ich auch noch nach Studienabschluss ein tüchtiger Landwirtschaftsgehilfe und viele wunderten sich, den Doktor bei der auch am Lande unüblichen "Schinderei" zu sehen.

Als ich nicht mehr zu Hause war, freute sich Hans Onkel, als ich erstmals mit einem neuen Auto (VW Käfer 1302, rot) gekommen bin und wurde mein eifrigster Beifahrer - auf der Suche nach einem Traktor. Er machte schließlich einen kleinen Steyr-Traktor in der Gegend von Scheiblingkirchen - die Berge zur burgenländischen Grenze hinauf - ausfindig. Wir fuhren in der Früh - ich hatte einen Termin in Wien - zu dem Bergbauernhof hinauf, hatten ein wunderbares Gespräch mit dem Altbauern und dessen Sohn. Der Sohn hatte die gleiche Begeisterung für den Schnürlregen in Salzburg wie ich. Und "weil wir so nette Leute waren" ließen sie Hans einen Tausender nach (Mai 1967) und er gab Ihnen seine Tausender auf die Hand.

Ich brachte Hans Onkel zum Bahnhof Scheiblingkirchen, fuhr nach Wien, der Traktor wurde nach Schäffern gebracht und steht nach vielen arbeitsreichen Jahren heute noch dort.

© adi