Ungezügelte Knabenträume

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Ungezügelte Knabenträume | story.one

Anscheinend waren wir in den ersten Volksschulklassen doch nicht so ausgelastet und geplagt, wie es mir oft schien. Ich erzählte meinen Freunden Manfred Haas und Adolf Waldherr, dass sich in der Werkstätte meines Vaters auch eine kleine Hacke für Kinder befinde. Ja, die wollten sie sehen und damit arbeiten und Geld verdienen. Adolf Waldherr meinte, wir müssen Pech nach Wiener Neustadt bringen. Pech ist teuer und wird immer teurer werden. Wenn wir da vierspännig nach Neustadt fahren, da verdienen wir einmal sehr, sehr viel.

Aber wo das Pech hernehmen? Gleich anschließend an den kleinen Hof meines Vaters befand sich der Gruber Garten, eine wunderschöne leicht geneigte Wiese mit Obstbäumen aller Art. „Wir müssen nur die Rinde anhacken und dann zuwarten“, meinte Waldherr Adolf. Wir begannen mit den großen Bäumen, ermüdeten aber rasch an der sperrigen Rinde der Birnbäume und wandten uns mehr den dünnstämmigen Bäumen zu. Besonders den Apfelbäumen, die schräg über eine Böschung ragten, da wir hier den besten Stand hatten. Da konnten wir schön fest und ganz tief hineinhacken.

Als wir nahezu alles im Sinne unserer Zukunftsträume bearbeitet hatten entdeckte die Nachbarin Luisi Tante unser Werk. Sie rührte in aller Eile ein Wunderrezept mit Lehm zusammen, um die Wunden der Bäume zu verstreichen. Da bemerkten wir, dass der Grubermit einer Peitsche in der Hand den steilen Karnegger Weg hereinkam und auf die lamentierende Tant aufmerksam wurde.

Flucht, die einzige Rettung: Ich nahm meine Freunde und stürmte zu unserem Haus zurück, sah, dass ein schönes Bauernmädchen bei meiner Mami - die eine begehrte Schneiderin war - Kleider anprobierte, schlich rechts zur Stiege in das Obergeschoss und ließ die Haustüre offen, die so unser Versteck abschloss. Mit lautem Getöse trampelte gleich darauf der Gruber herein und beschimpfte meine Mutter wüst, dass sie Verbrecher versteckt habe. Es gelang ihr schließlich ihn zu beruhigen Er polterte davon und wir wagten vorsichtig einen Blick durch das Vorhausfenster. Unser Ziel war, sobald die Luft rein war, leise die Türe zu öffnen und still davonzuschleichen. Doch gerade als Manfred einen Blick durch das Fenster wagte, ging das schöne Bauernmädchen, das die Proben beendet hatte, vorbei, erblickte uns, lief zur Mutter zurück und rief „Da sind sie ja wirklich“.

Mami zeigte sich als strenge aber besonnene Richterin. Obwohl bestürzt über die Untat, beließ sie es bei einer strengen Ermahnung – meine Bestrafung wurde aufgeschoben - und dem Auftrag an die Freunde, alles ganz genau zu Hause zu berichten und danach zu beratschlagen, was zu tun sei.

Die Lage war bedrohlich, aber in den Ferien aus eigener Kraft zu bewältigen: Wir mussten vermeiden, auf den Gruber zu treffen. Äußerst schwierig würde dies mit Schulbeginn, da sein Haus direkt neben der Schule –gelegen war. Erst nach einem Jahr gelang es ihm einen von uns in die Enge zu treiben und er sagte zum Waldherr Adolf: "Blöder Bua! Wos rennstn nu oiwei davo?"

© adi 13.06.2019