Wohnen in der Villa Bonapartes

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Wohnen in der Villa Bonapartes | story.one

Meine Erwartungen auf eine Fortsetzung des unbeaufsichtigten, zügellosen Lebens als Studiosus in Wiener Neustadt gingen im Freiheitsjahr 1955 urplötzlich zu Ende, als mir mein Vater befahl, ich sollte mich sofort im dortigen Bundesgymnasium abmelden. Er habe endlich einen Platz in einem Studentenheim in Graz für mich ergattert und ich könne nun in meinem Heimatland studieren. In meiner hilflosen Empörung, da ich damit auch den Kontakt zu meiner großen Sommerliebe aus Wien zu verlieren fürchtete, erklärte ich ihm, dass ich nun keine Garantien für einen weiteren erfolgreichen Studienverlauf abgeben könne.

Doch der von mir befürchtete, eingeengte Aufenthalt in einem Landesschülerheim entpuppte sich als nahezu reizendes Urlaubsfeeling in einer ehemaligen Bonaparte-Villa im herrlichen Grünland. Das Heim war nahezu ausschließlich mit Schülern der Lehrerbildungsanstalt belegt, und da ich im Lichtenfelsgymnasium abwechselnd Nachmittagsunterricht hatte, war ich oft vormittags der einzige Bewohner im Hause und konnte praktisch tun und lassen, was ich wollte.

Ich nutzte den erdigen Hof des Hauses als Trainingsareal für meine Fußballleidenschaft und trippelte und schoss nach Belieben aus allen Distanzen auf eine Torwand. In den Studienräumen versuchten mir die hübschen Praktikantinnen einer Haushaltsschule jeden Wunsch von den Augen abzulesen und für das verbotene Rauchen hatte ich bald ein gut zu lüftendes Kammerl im Dachgeschoss ausfindig gemacht. Schwieriger gestalteten sich die Bemühungen, straflos beim Schulschwänzen davonzukommen. Immerhin mussten ja zwei Instanzen, die Schule und das Schülerheim, hinters Licht geführt werden. Aber das nahezu unmöglich scheinende gelang. Wir konnten einen Skitag am markanten und allseits beliebten Schöckl in St. Radegund organisieren. Hierzu wurden schon in den Weihnachtsferien die Ski bei einem Schulkollegen in der Herdergasse deponiert. Der zweite Komplize hat eine reizende junge Stiefmutter, die mit ihrem nagelneuen Mercedes unseren Transport übernahm und wir verbrachten einen Traumtag auf dem schönen Aussichtsberg. Aufgrund der guten Schneelage hatten wir eine ungeheuer lange Abfahrt bis nach Andritz in der Grazer Vorstadt. Von dort konnten wir mit der Straßenbahn nach Hause fahren. Dies war allerdings der gefährlichste Part im Abenteuer, da die Straßenbahn mitten durch die Stadt und knapp an unserer Schule vorbeiführte.

Wir hatten aber Glück und freuten uns diebisch über den gewonnenen Tag der Freiheit.

© adi 25.09.2019