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#QuadratischPraktischGut

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#QuadratischPraktischGut | story.one

Eine Reizwortgeschichte

Praktischerweise habe ich heute Prüfung in Praktischer Philosophie. Von 18:30 - 20:00. Mitten in der Nacht. Für dezemberische Verhältnisse. Stockfinster ist es, als ich die Wohnung verlasse, dick eingepackt, halb am Einschlafen. Ich stopfe mich in den wie ein roter Bratapfel leuchtender D-Wagen, zwischen adventmärktlich-unermüdlichen PendlerInnen, quadratisch-kompakt verpackt wie Michelin Männchen. Ich gähne mich zurück in den Sommer. Damals beschloss ich in den Maxima der Augusthitze, im Rücken den eifrig drehenden Ventilator, Philosophie in meiner Bildungskarenz zu studieren. Spritzige Idee.

Wusch! Erstes Semester: Einführung in die Praktische Philosophie. Dachte dabei an philosophische Tipps und Tricks für den Alltag. Ho ho ho! Irrtum. Handle - Handlung - Handelnder. Wie bei jeder anderen Geisteswissenschaft geht die X-Mas-Party auch hier nur im Geiste ab. Der Geist der vergangenen deontologischen Weihnacht ist Kant, die utlilitaristische Gegenwartsweihnacht beschließen wir mit Mill und zur weihnachtlichen Zukunft befähigt uns Christ - äh - Nussbaum.

Woh! Das Licht ist aber schon sehr hell! Schließlich schreiben wir die Prüfung ja in einem Hörsaal der WunschlosUnglücklichen, stattlich ausgestattet mit gscheitem Licht. Auf der quadratischen Hauptuni muss ich froh sein, wenn es überhaupt elektrisches Licht gibt. Man munkelt über Vorlesungen bei Kerzenschein. Kann los gehen! Bitte, fangen wir an, sonst schla... „Ich hab viel weniger gelernt als für die Matura“, neben mir unterhalten sich zwei StudentInnen. Für meine 34-jährigen Verhältnisse ein geradezu absurd weitestens hergeholter Vergleich. Meine Matura noch bildungsfreizügig im letzten Jahrhundert zu Papier gebracht. Nun sitze ich hier in einer Prüfung der STEOP - StudienEingangs- und Orientierungshase - orientierungslos, aber immerhin neben dem Eingang.

Eeendlich! Nach Verwunderungspause und Organisationsunschlüssigkeiten auf Grund des großen Begeisterungsansturms der Prüflinge, halte ich den ultimativen Prüfungsbogen in meinen Händen. Die TutorInnen bemühen sich um einen - im Sinne der egalitären Gerechtigkeit nach Rawls - gerechnet gerechten Ablauf. Ach! Die zwei motiviert-involvierten männlichen Tutoren sind wirklich schnucki! Ping! Keine Zeit für sexuell orientierte Gedankenspiele. Auf in den Kampf der multiplen (James) Choice Fragen. Die Uhr tickt, trickt und trackt. Nach achtzig Minuten gebe ich ab, zeige meinen Studentinnenausweis vor - mit der antiquitären Matrikelnummer von 2003. Ich wünsche mir, dass der Wunsch diese Prüfung zu bestehen, handlungswirksam wird. Wille + Volition = Willensfreiheit.

ST(e)OP - fertig bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Augen zu, in der wohlig warmen Badewanne und drifte weg in eine von Aristoteles tugendhaft gezeichnete Traumwelt.

© aignartig 2019-12-12

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