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#familienwahnsinn#eigenartig

#SchwesternGesellschaft

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#SchwesternGesellschaft | story.one

Reumütiges Geständnis einer großen Schwester

Nie nie nie wollte ich ein kleines Schwesterlein. Zu sehr genoss ich den monarchischen Status der Erstgeborenen: verwöhnt, umhegt, gepflegt wie die Prinzessin auf der Erbse.

Doch der liebe Gott hatte bestimmt Mitleid mit meinen Eltern, als er sie mit der Geburt einer zweiten Tochter segnete.

Dieses engelhafte Wesen sollte den friedlichen Ausgleich auf Erden schaffen. Zu mir. Der Ausgeburt der Hölle - „Rosmary´s baby“. Eine schlimme, kleine, süße Göre war ich. Lieblingsfarbe: Rosa. Große Passion: Bitzeln. War das vierte Bitzelstadium erreicht - wussten sich meine gütig-geduldigen Eltern nicht anders zu behelfen, als eine Teufelsaustreibung mittels kalter Dusche durchzuführen (kalte Taufe).

Die Geburt meiner Schwester brachte keine samtige Besänftigung meines tollwütigen Gemüts, sondern wühlte noch mehr dämonische Triebe in mir auf. Ich begann sodann meinen Gotteszorn in voodoo-artiger Manier zum Ausdruck zu bringen: verstümmelte mit Präzession meine Barbiepuppen, stach ihnen lustvoll mit dem stumpfen Tafelmesser die Augen aus, knabberte kannibalisch an ihren Extremitäten und riss ihnen die Köpfe ab. Laut damals konsultierten Psychiater: "Kein erregender Grund zur Besorgnis."

Zur Flaschi-Fütterungszeit pflegte ich mich stets - wie eine Guerillakriegerin -hinter dem zweistöckigen Blumentisch zu verschanzen und beobachte schlitzäugig-konzentriert das schmatzende, nuckelnde Wesen im Arm meiner Mama. Mein Waffenarsenal unter dem Tisch - eine Ansammlung an kleinen hölzernen Bauklötzen - lag allzeit bereit zum verheerenden Anschlag.

Harte Zeiten brachen an, als ich meiner faschistoiden Volksschullehrerin ausgesetzt war - überzeugte Vertreterin der dunkelblauen Pädagogik, inspiriert von den Methoden der STASI und SS.

Meine Schwester nötigte ich zur Trauma Bewältigung in Form von Schulrollspielen. Zwecks der Verarbeitung, erprobte ich an ihr die gnadenlosen Abprüftechniken meiner Lehrerin. Gefürchtetes Prüfungsthema für meine damals 3-jährige Schwester: die äußerst komplexen Namen der handgroßen ekelig-duftenden Cupcake-Prinzessinnen-Püppchen. Peppermint Betty, Sweet Cherry Shirley, Dark Chocolate Rose. Bei Fehlern wandte ich Bestrafungsmethoden ganz nach dem fratzenhaften Vorbild meiner sadistischen Lehrerin an.

Hatte ich einen guten Tag, konnte durchaus der beinahe utopische Fall eintreten, meine Schwester gnädiger Weise mitspielen zu lassen. Wenn ich „Kaiserin“ spielte, durfte meine Schwester die Rolle meiner untertänigsten Dienerin einnehmen.

Heute sind wir beide über dreißig. Alpträume, in denen ich meiner Schwester als Hexe Ursula aus Arielle erscheine, haben nachgelassen. Nach wie vor lieben wir es, zu streiten, uns gegenseitig zu sekkieren, und zum Lachen zu bringen. Wenn es hart auf hart kommt, halten wir zusammen wie Batman und Robin. Dann geht´s ab mit unserer verrückten AignerSistersPower.

© aignartig 2020-02-29

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