WAS FÜR EIN GLÜCK 4. "Meine Taufe"

Während meiner Taufe, die ja schon recht früh erfolgte - das war früher so üblich - warf man mich als Windelpaket zu den mitgebrachten Geschenks-Paketen auf einen Wirtshaustisch. Damit ich nicht runterfallen konnte, stellt man den an die Wand.

Dort ließ man mich in der total verqualmten Gaststube liegen bis meine Tauffeier fast vorbei war. Es war sehr laut, weil viel gesoffen, dadurch herumgegrölt / laut gesungen wurde. So eine Taufe wurde auch genutzt um sich volllaufen zu lassen und viel zu rauchen. Diese Menschen waren ja alle sehr jung und wollten Spaß haben. Und es waren sehr, sehr viele Menschen eingeladen. Wie üblich das ganze Dorf.

Mein Vater behauptet, dass er das nie wollte. Ich tat ihm leid.

Meine Oma jedoch erlaubte ihm gar nicht, sich um mich zu kümmern. Achja, UND warum kümmerte Mama sich nicht um nich? Diese Frage fällt mir eben grade ein.

Die Antwort weiß ich aber auch gleich: Meine Schwester war grade ein Jahr. Um die musste sie sich kümmern. Sie war zudem blutjung und unerfahren. Vielleicht auch überfordert mit zwei Babys in diesem zarten Alter. Mit 32 Jahren hatte sie bereits 8.

Ich war ja ein fast bedürfnisloses „Etwas“ - in die Ecke geworfen, damit es die Gesellschaft nicht stört, schilderte mir empört mein Vater. Aber meine Oma hatte das Sagen. Als "Futter" gab es für mich Flasche, die angelehnt wurde, damit sie niemand halten musste.

Meine Mama hatte keine Milch, da sie gleich nach meiner Geburt sehr hart arbeiten musste - auch das war so üblich am Lande. Es war eine wunderschöne, wenn auch recht kalte Gegend. Sie heizten mit Holz, glaub ich. Das war immer viel Arbeit im Wald. Meine Oma hatte einen eigenen großen Wald, wo sie jedes Jahr abholzen mussten.

Sie war auch die Besitzerin dieses großen Gasthauses (ihr verstorbener Mann hatte viele Häuser gebaut), in welchem die Taufe gefeiert wurde. Später hatte sie es verpachtet. Dort werden heute noch Taufen und Hochzeiten gefeiert.

Irgendwie schien es mein Papa geschafft zu haben mich doch aus der rauchvernebelten Wirtshausstube zu holen und mit mir spazieren zu gehen.

Meine Mama wurde als Frau ja, wie üblich für die vielen anfallenden Küchenarbeiten eingeteilt und viele Kinder ob klein oder groß wuselten zwischen ihren Beinen. Sie liebte Kinder besonders, wenn sie noch recht klein waren.

Eigentlich wollte sie bloß einen Jungen und ein Mädchen, so wie sie es als Kindermädchen erlebt hatte. Sie sprach von den beiden mit einem Herzen voller Liebe als ob sie ihre eigenen gewesen wären, erwähnte Papa oft. Er machte sich damals Sorgen ob sie überhaupt EIN Kind ernähren können wegen ihrer körperlichen Zartheit - wer meine Mama kennt, weiß warum ich jetzt lache :D

Jedenfalls wurden dort noch viele weitere Taufen (die meiner vielen Geschwister) gefeiert. Wie diese verliefen habe ich nie nachgefragt. Vermutlich haben meine Eltern sich besonders an meine erinnert, weil ich so still in der Ecke lag und man mich dort eigentlich „vergaß“ bis Papa sich meiner erbarmte.

Was für ein Glück!

© Aime