Spülwasser-Cola und Gummi-Hendl

Da ich schon einige Jahre auf dem Buckel habe, kenne ich noch das Procedere, wenn man an eine Grenze kam und kontrolliert wurde. Dies habe ich ganz krass erlebt, als wir als Jugendliche nach West-Berlin mit dem Zug gefahren sind. Der Zug musste nämlich, um nach West-Berlin zu kommen, durch die ganze DDR fahren. Während der Fahrt durfte der Zug nirgends anhalten. Aber der Höhepunkt war, als wir das Gebiet der DDR wieder verließen. Die Grenzpolizisten kontrollierten jeden eingehend und unter dem Zug ließen sie einen Hund laufen, um sicherzustellen, dass niemand aus der DDR in den Westen flüchtet. Wir kamen uns vor wie in einem Spionagefilm. Auch ein Tagesausflug von West-Berlin nach Ost-Berlin war sehr abenteuerlich. Es gab einen Zwangsumtausch, an der Grenze wurden wir gefragt, was wir in Ost-Berlin wollten. Einen Burschen aus unserer Gruppe holten sie heraus und filzten ihn wie einen Schwerverbrecher. Wahrscheinlich, weil er einen Vollbart und längere Haare hatte. Während des ganzen Tages in Ost-Berlin hatten wir ein mulmiges Gefühl und waren froh, abends wieder im Westen zu sein. Wobei ich sagen muss, dass die Straßen in Ost-Berlin ausgesprochen sauber waren. Kein Dreck auf den Bürgersteigen, kein weggeworfenes Papier, irgendwie ungewöhnlich. Für das Geld, dass wir umtauschen mussten, konnte man nicht viel kaufen. Aber wir mussten es ausgeben, denn mit zurücknehmen durfte man keines mehr. Somit kauften wir uns eine Cola, die wie Spülwasser schmeckte und ein gebratenes halbes Hähnchen, das eine etwas gummiartige Konsistenz hatte. Dadurch war unser Geld dann weg.

Jahre später, die Mauer war gerade gefallen, musste ich geschäftlich nach Berlin. Dieses Mal hatte ich das Flugzeug genommen. Kurzzeitig musste ich wieder an das mulmige Gefühl von damals denken. Beim Abflug und auch bei der Ankunft keine großen Kontrollen. Ich war sehr gespannt auf Berlin. Die Kollegen in der Filiale erzählten von dem Tag, als die Grenze geöffnet worden war und die DDR-Bürger nur nach West-Berlin kamen, um zu schauen. Sie standen überall herum und sahen sich mit großen Augen alles an.

Ich machte mich nachmittags neugierig auf den Weg nach Ost-Berlin. Keine Kontrollen, alles offen. Das Brandenburger Tor frei zugänglich. Es war ein erhebendes Gefühl. Keine Grenzen, keine Einschränkungen, keine Angst mehr und keinen Zwangsumtausch mit Spülwasser-Cola und Gummi-Hendl. Nur die Straßen waren nicht mehr so sauber, aber frei.

© Alexandra Dorn