Die Welt geht unter und ich führe Krieg

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Die Welt geht unter und ich führe Krieg | story.one

Ich kämpfe mit mir. Heute und eigentlich jeden Tag, seit dem der Gedanke aufgepoppt ist, ich könnte doch "einfach" nach Hause.

Im Juli 2019 ging ich mit frisch-gebackener Matura in der Hand und jungen 19 Jahren als Au Pair in die USA. Ich landete nach anfänglichen Schwierigkeiten in einer lieben Familie in Greenwich, Connecticut.

Ich fand es wahnsinnig toll, dass ich dort jedes Wochenende in "die Stadt" fahren konnte. Mit dem Zug sind es nur 45 Minuten nach New York City. New Rochelle sind von uns nur 25 Minuten Autofahrt. New York State beginnt in der Nachbarortschaft. Warum ich das alles erzähle? Liegt eigentlich auf der Hand. Covid-19.

Anfänglich dachte ich ja gar nicht daran, mein Jahr abzubrechen. Für mich stand fest: Ich würde in den USA bleiben, stark sein und das durchstehen. Ich würde mein Au Pair Jahr beenden und im Juli 2020 nach Hause zurückkehren. Aber es sollte anders kommen.

Lange überlegte ich. Doch am Freitag, dem 27. März 2020, spät in der Nacht, hatte ich dann meinen "breaking point" erreicht. Ich wusste, ich musste nach Hause. Ich sollte dann am darauffolgenden Dienstag fliegen. Doch an diesem Tag gab der US-Präsident eine Rede, in der er ein mögliches Ausreiseverbot in Aussicht stellte. Von Panik erfüllt, buchte mir meine Gastfamilie noch für den selben Tag einen Flug. Ich hatte ein einhalb Stunden Zeit, alles was ich konnte in meinen Koffer zu pferchen.

Nach einem verschobenem und verpassten Flug, einer darauffolgenden ungewollten Übernachtung in einem Hotel in Amsterdam und einem Ersatzflug am nächsten Morgen, kam ich schließlich am Montag in Wien an.

Und schon seit diesem Freitag, seit ich diese Entscheidung getroffen habe, aber eigentlich schon viel länger, führe ich Krieg. Mit mir selber. Denn es gibt diesen Teil von mir, diesen Teil in mir, der sich Vorwürfe macht. Der nicht nur sagt, sondern schreit: Du Schwächling! Du hast abgebrochen, hingeschmissen! Du warst zu schwach, um es durchzustehen! Sieh dir deine anderen Au Pair Freundinnen an, alle sind sie geblieben! Nur du, du bist zu schwach.

Wegen meiner Gastfamilie mache ich mir weniger Sorgen, die kommen auch ohne mich klar. Doch dieses Gefühl des Versagens, das bleibt bestehen.

Nur, ist es denn nicht eigentlich eine Stärke, seine eigenen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren? Abgesehen davon, befinden wir uns momentan halt wirklich in einem Ausnahmezustand. So versuche ich es zumindest zu sehen.

Und ich kämpfe. Ich kämpfe gegen diese negativen Gefühle an. Denn tief drinnen weiß ich ja, dass es nicht einfach war, nach Hause zu kommen. Dass es eigentlich einfacher gewesen wäre, in den USA zu bleiben. Aber was hätte es mit mir gemacht? Psychisch und nicht auszudenken physisch. Ich wusste, es würde besser für mich sein, nach Hause zu kommen. Und es war ein unfassbar schwerer Schritt für mich. Doch jeden Tag wache ich auf mit der Gewissheit, dass es die richtige Entscheidung war. Wenn doch nun endlich meine Gefühle auch Waffenstillstand einlegen würden..

© Aline_Sophie 05.04.2020