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Der Dresscode

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Der Dresscode | story.one

Mein erster Job nach dem Studium führte mich ins Headquarter eines heimischen Industrieunternehmens. Sofort war klar, traditionell konservative Werte prägen das Haus. Bei Vertragsunterzeichnung trug ich eine gelbe Weste: „Diese grelle Farbe tragen Sie hier bitte nicht mehr.“

Mit Arbeitsbeginn musste ich meinen Kleiderschrank erweitern. Jeans und Sneakers machten Blazern, Hosenanzügen, Kleidern und Blusen Platz. Jeder Morgen war geprägt von einer Styling-Einheit. Kleidung, Make-Up und die Frisur mussten sitzen. Ohne Tasche keine Competition. Ohne Stilettos keine Aufmerksamkeit. In meiner Rolle hatte ich nicht nur mit Inhalten und Arbeitspensum zu tun, sondern vor allem unbeschadet den Catwalk zu überstehen. Kollegen musterten einander jeden Morgen kritisch. An guten Tagen verteilten sie Komplimente, an schlechten Tagen wurde dies unmissverständlich klargelegt. Die Firmenkantine mauserte sich zur unausgesprochenen Jury. Schlanke Frauen in engen Kleidern suchten ihren Weg zum Salatbuffet, während grau-melierte Herren sich amüsierten. Dies schlug sich auf Gemüt und Gesundheit nieder. Dem CEO wurde es offenbar zu BUNT und „das Dresscode-Buch“ samt Do's and Dont's wurde präsentiert.

Kleidung sollte gebügelt sein, Used-Look sei tabu, Fingernägel müssen kurz geschnitten sein, 3-Tages-Bärte wirken ungepflegt, Nagellack (auch farblos) sei für Männer ungeeignet, Glitzer-Makeup und großer Schmuck bei Damen wirke inkompetent. „Ausufernder Haarwuchs“ müsse gebändigt werden. Menschen mit zu weiter Kleidung signalisieren, sie seien ihren Aufgaben nicht gewachsen. Mit zu enger Kleidung sei der Handlungsspielraum eingeschränkt.

Beispiele für flache Pumps, Anzüge und Business-Outfits waren abgebildet. Zehen zeigen ist verboten, Haare sind zusammenzubinden, dezente Muster sind erlaubt, kein Lack/Leder/Leopardenprint. Männer dürfen sich zwischen Hellblau und Weiß entscheiden bei den Hemden und bei den Schuhen zwischen Schwarz und Braun. Kurze Hosen, auf keinen Fall! Der Knigge umfasste 30 Seiten. Sämtliche gesellschaftlichen Konventionen, die richtige Konversation in Wort und Schrift sowie hierarchisches Verhalten fanden in der Auflistung Platz. Aufruhr am Catwalk folgte!

Kurz darauf wurde einzelnen Personen unmissverständlich nahegelegt, sie möchten sich der Dresscode-Schulung unterziehen. Manche wurden regelrecht dazu gezwungen und laufend ermahnt. Sogar in die Mitarbeiter-Jahresgespräche hielt das Thema Einzug. Wer nicht zur Schulung musste, hatte in Sachen Outfit gesiegt. Klischees wurden allerdings weiter bedient und Einzelne diskriminiert. Wer möchte sich schon vor Kollegen einer Typberatung unterziehen und die Größe von Schweißflecken und die Länge von Nasenhaaren diskutieren? Hätte man sich mal lieber auf den freundlichen Umgang miteinander konzentriert.

© allesachtsam 03.07.2020

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