Ein ganz normaler Tag?!

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Ein ganz normaler Tag?! | story.one

Ich sitze in der Straßenbahn, zurechtgemacht für die Arbeit, der Blick auf den Display gesenkt, gedankenverloren. Ich bin spät dran, wie so oft. Die Kinder wollten ein zweites Frühstück, haben nicht nur beim Anziehen getrödelt sondern auch am Weg in den Kindergarten. Ich habe geschimpft, ihnen Druck gemacht, schließlich muss ich weiter. Ihr Alltag ist in diesem Moment weit weg, meine Aufmerksamkeit liegt auf der Facebooktimeline.

Einem Video mit süßen Kindern folgen politische Nachrichten. Diskussionen zu Alltäglichem, Shoppingtipps, Antisemitismus; Banales vermischt sich mit der harten Realität. Belangloses, Liebe, Hass, Hetze - als meine Haltestelle kommt, ist all das zu einer grauen Masse verschwommen. Bevor ich aussteige, lese ich noch die Überschrift "Petition gegen Kinderarmut". Ich klicke auf "gefällt mir" und teile den Link mit meinen Freunden. Wer könnte einer solchen Forderung schon widersprechen?

Neben dem Wartehäuschen kauert am Gehsteig eine Frau und bettelt. Es ist kalt, ich ziehe mir meine Haube tief ins Gesicht. Als ich gerade in meine Jackentasche greife um nach ein paar Münzen zu suchen, die ich ihr geben könnte, erwische ich stattdessen mein Handy, das vibriert. Eine Freundin schickt mir die Einladung zu einer Geburtstagsfeier am kommenden Wochenende. Das Geld für die Bettlerin ist schon vergessen als ich das Feieremoji auswähle und sende. Gleichzeitig fällt mein Blick auf die Uhrzeit am Display. Mist, zu spät!

Wenige Minuten später sitze ich schon vorm Computer. Meine Hände sind aufgewärmt, vor mir steht eine frische Tasse Kaffee, eine Arbeitskollegin erzählt von ihrem Wochenende. Auf dem Schreibtisch liegt mein Handy, das sich immer wieder einmal bemerkbar macht. In der Mittagspause checke ich scheinbar verpasste Neuigkeiten. Liebe, Hass, Kontroverses, Werbung, Gewalt, Sex: Ich scrolle mich durch die endlose Liste an Nachrichten und Bildern, die in dieser Fülle und Vielfalt nicht zu verarbeiten sind. Meldungen, die die tiefsten Abgründe des Menschen aufzeigen, stellen sich in einer Reihe mit Naturfotos und Sportnachrichten. Doch damit kann ich mich jetzt nicht beschäftigen: Ich muss in einer halben Stunde bei den Kindern sein!

Die Kopfhörer im Ohr und mit meiner Lieblingsmusik beschallt mache ich mich schnellen Schrittes auf in Richtung Straßenbahn. Ob die Bettlerin von heute morgen noch da ist, bemerke ich gar nicht. Mein Handy vereinnahmt mich mit all meinen Sinnen. Während ich zur Musik wippe, teile ich die Einkaufsliste mit meinem Mann, lese noch ein paar Zeitungsartikel und chatte mit einer Freundin. Oh, ihr süßer Hund! Ich schicke ein Herz-Emoji und steige aus - um ein paar Minuten zu spät, wieder einmal.

Voll Freude schaut mich mein Großer an. Als ich ihm beim Anziehen helfe, bin ich nicht mehr gehetzt. Mit Glitzerstift auf der Wange und einer Dinosaurierzeichnung in der Hand erzählt er mir aufgeregt von seinem Tag. In meiner Tasche vibriert es. Ich greife nicht hinein.

© Alltagsschreiberin 13.12.2019