Aus dem Herzen eines Jugos

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Aus dem  Herzen eines Jugos | story.one

Emotionaler Aufklärungsunterricht einer Kultur.

Wir Jugos sind schon sehr emotionale Menschen. Nicht nur, dass wir den Drang haben, und ständig bei diversen Angelegenheiten zu berühren, wir verleihen unseren Emotionen auch gerne Ausdruck.

Wir busseln uns zur Begrüßung bis zu vier Mal. In Serbien sind es drei, in Bosnien gleich vier Busserl.

Ist ein Jugo betrunken, dann gibt es kein Halten mehr. Da wird man ganz anhänglich. Da ist es nicht ungewöhnlich,dass man einander um den Hals fällt, egal welchen Alters, und welchen Geschlechts.

Und wenn einen Jugo zu dem Alkohol, auch noch die Musik toucht, dann wirds emotional. Da wird lauthals mitgesungen, und die Gesichter verwandeln sich in die von leidenden Schwänen, die auf den langersehnten Ausbruch von emotionalen Ergüssen zu warten scheinen. Man vertieft sich so sehr in das Lied, und saugt es mit jeder Pore auf. Dabei macht man sich zwischendurch Gedanken, ob der eine oder andere sich gedanklich nicht mittlerweile schon die Pulsadern aufschlitzt. Wir scheinen oft im Leiden eine gewisse Befreiung zu erfahren. Villeicht liegt es auch bloß an unserer Musik. Der Jugo ist sehr nostalgisch, und redet gerne von Früher. Vielleicht, weil Früher anders war als Heute, mit dem Gedanken an das, was in der Zwischenzeit passiert ist.

Ein Jugo zerbricht in diesen Gefühlsmomenten auch einmal ein Glas oder zwei, um seinem Gefühlsausbruch auch eine visuelle Untermalung zu verleihen. Er trinkt dann gerne auf ex, und auf jede Ex, die er je hatte. Ist ein Musiker, der Live singt zugegen, dann steckt er ihm seinen letzten Schein zu, mit der Bitte, um das Lied, das er für seinen aktuellen emotionalen Zustand gerne hätte. Ich sags euch, als Musiker kannst du mit solchen von Hormonen geplagten Wesen jede Menge Geld machen.

Geht es um den Song noch dazu um eine Mutter, dann ist es endgültig vorbei. Jugos ist nichts heiliger als ihre Mutter. Besonders beim männlichen Geschlecht. Sigmund Freud lässt in diesem Augenblick vermutlich einen Freudenschrei aus.

Aber es ist wahr. Wer in den meisten Fällen an einen Jugomann ran will, muss erst einmal an seiner Mutter vorbei. Zum Glück bestätigen viele Ausnahmen die Regel, aber ob man Ausnahme oder Regel erwischt, ist eine andere Sache.

Der Jugo nennt seine Liebste auch gerne mal "Lutko moja," das so viel bedeutet wie "Meine Puppe." Auch wenn das Wort Puppe im Bezug auf eine Frau auf Deutsch oft einen negativen, oder oberflächlichen Beigeschmack hat, so ist die Bedeutung hier anders. Es ist ein Ausdruck für etwas Vollkommenes, etwas Perfektes, etwas Schönes.

Wenn wir Jugos uns streiten, dann fliegen die Fetzen. Wir haben Schimpfwörter, die lassen sich nicht einmal mit viel Phantasie auf Deutsch übersetzen. Auch unsere Streitkultur ist mit viel Ausdruck verbunden. Jedoch, wir vergessen auch schnell. Wir verzeihen rasch.

Eines sei auch gesagt. Steckst du einmal tief in der Tinte, dann ist der Jugo da. Er fragt dich nicht warum, er fragt wann und was. Zu jeder Uhrzeit.

© Almedina