Blut ist dicker als Wasser

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Ich kenne keine Frau, die stärker ist als du. Du hast immer nur gegeben, bekommen hast du nicht viel.

Du hast aus wenig das beste gemacht, wusstest genau wie du was, und wann machen sollst. Du bist sehr rationell, an Traditionen haltest du fest. Ich hatte immer meine Schwierigkeiten damit, denn du wünschtest deine Ansichten wären die meine. Aber ich bin nicht du, auch wenn ich dich verstehe. Ich versuche dich immer wieder von meinen Ansichten zu überzeugen, so wie du mich von deinen. Denke, in dem Punkt sind wir uns ähnlich.

Du bist der fleißigste Mensch, den ich kenne. Deine Kraft scheint niemals zu versiegen. Du tust, du machst, du arbeitest sehr hart und beschwerst dich nie. Du bist trotzdem voller Demut und Hoffnung. Du schaffst alles, was du dir vornimmst, du bist selbstlos und trotz äußerem Pessimismus innerlich optimistisch.

Ich habe dich immer dafür bewundert, wie viel du aus dem Wenigen machen kannst, wie gut du in der Lage bist zu planen, und auf Lange Sicht zu denken. Ich weiß, ich kann in der Hinsicht noch viel von dir lernen.

Du hast dich gesorgt, gekümmert, gebetet und gebangt. Als du nicht wusstest, ob Oma und Opa noch am Leben sind. Als du deinen Bruder im Fernsehen in einem Flüchtlingslager gesehen hast, und glücklich warst, dass er noch lebt. Als deine Schwestern und Brüder auf der ganzen Welt verteilt waren, und du nicht bei ihnen sein konntest, wenn du das wolltest, und heute noch noch nicht kannst, obwohl du es schön fändest.

Du hast immer und zu jedem Zeitpunkt allen geholfen die in der Not waren. Du hast während der ganzen Kriegszeit nicht aufgehört Überlebenspakete an sämtliche Verwandten zu schicken, auch wenn du nicht mal wusstest, ob sie ankommen. Ich habe mich damals als Kind geärgert, warum für mich für Dinge die ich gerne gehabt hätte kein Geld war, und für die anderen schon. Heute weiß ich, wie egoistisch das war, aber ich wusste es nicht besser.

Du hattest stets eine offene Tür für jeden, den andere nicht hereingelassen hätten. Wie die Geschichte, die du mir mal erzählt hast. Es war kurz nach dem du mich zur Welt gebracht hast, als eine alte Bettlerin, die jeder kannte, und nur als die Zigeunerin abgestempelt hat, an deine Tür klopfte. Du hast sie hereingelassen, ihr etwas zum Essen gegeben und sie übernachten lassen. Es war kalt, ich wurde im Oktober geboren. Als Dank gab sie mir, weil es so üblich ist, ein Neugeborenes um ihm Glück zu wünschen zu beschenken, eine Nadel und einen Zwirn.

Ich war immer wieder überrascht, dass du reimst und dichtest, wenn du etwas kommentierst. Darüber haben wir uns nie unterhalten, bis du mir einmal erzählt hast, dass du als junges Mädchen geschrieben hast. Du wärst gerne Schriftstellerin geworden, und Politikerin wärst du auch gerne. Die Chancen hattest du nicht. Ich bin mir aber sicher, dass du auch das, wie alles Andere geschafft hättest.

Ich erkenne mich stark in dir wieder. Es macht mich stolz, und traurig zugleich.

Irgendwann werde ich wie du. Weil Blut dicker als Wasser ist.

© Almedina