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Efeu

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Efeu | story.one

Eingeschlafen war ich, um mich auszuruhen, um meine Gedanken runter zu fahren. Um sie stillzulegen, bis morgen früh.

Jedoch, Gedanken kreisen. Sie ranken sich wie Efeu an einer Wand aus Ziegelsteinen.

Sie steigen auf, verdrehen sich, verdrehen mir die Sinne, vernebeln mich, ich sehe nicht mehr klar, ich erkenne mich oft nicht in ihnen wieder. Sie ranken sich an der Mauer Tag für Tag. Stein um Stein, legen sie ihre Blätter um alles was sie greifen können, und nehmen von ihnen Besitz. Ich diene nur als Zuschauer eines Schauspiels, dass ich längst nicht mehr in meiner Macht habe. Ich gebe mich ihnen hin, und beobachte es, in dem Wissen, dass das Efeu irgendwann die komplette Mauer bedeckt hat, und ich weiß nicht, ob ich dann noch genug Luft bekomme, und genug Kraft habe, mich von ihnen zu befreien, wenn sie erst einmal eine gewisse Stelle erreicht haben.

Ich habe sie kommen sehen, und ich habe mich nicht wehren können, weil sich Gedanken genauso wenig verhindern lassen, wie das Aufsteigen des Efeus, wenn es sich einmal wo festgesetzt hat, sucht es sich einen Weg, um sich immer intensiver zu manifestieren. Immer höher zu steigen, und sich den Weg zum höchsten Punkt, oder den Zustand vollkommener Zufriedenheit zu suchen.

Zu versuchen dem zu entfliehen wäre, als würde man vergeblich versuchen seinen Schatten davonzulaufen. Irgendwann kommt die Kapitulation, und man wird des Wegrennens müde.

Ich bin aus einem Traum aufgewacht. Einem Traum mit nicht weniger ähnlichen Inhalt.

Meine Realität verfolgt mich in den Träumen, und meine Träume kennen die Realität gut. Sie ignorieren sich gerne, aber jeder weiß für sich selbst am besten, dass das eine für den anderen unabdingbar ist.

Nun sind wir wach. Meine Gedanken, mein Gefühl, meine Intuition, meine Illusion, mein Ich und die Wahrheit.

Wir spinnen uns weiter ein Netz aus Hoffnung und Enttäuschung. Aus Wollen und Können. Aus Furcht und Ehrfurcht. Das können wir gut. Darauf sind wir konditioniert.

Gedanken ranken sich, und ich lasse sie. Ich lasse sie kreisen. Sie machen Schleifen und Loopings, und sie verlieren oft den Faden. Ich finde ihn immer wieder, und halte ihn fest, als wäre er ein aus Gold eingefasster Leitweg, den ich deutlich für den Bruchteil einer Sekunde sehe, bevor er blass wird.

Bevor er von einer lieblichen Melodie aus Sehnsucht und Erinnerung abgelöst wird, und ich den Weg verlasse, und mich zu dem Karussell und einer erneuten Achterbahnfahrt zuzuwenden.

Kreise haben etwas Magisches. Sie haben keinen Anfang und kein Ende. Es gibt kein Ende ohne einen Anfang.

Gedanken sind wie Efeu, sie suchen sich einen Weg, um dorthin zu gelangen, wo sie glauben hinzumögen.

© Almedina 2020-02-15

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