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#1180wien

Fenster

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Fenster | story.one

Fenster haben auf mich eine faszinierende Wirkung. An sich, rein objektiv betrachtet , ist ein Fenster nicht mehr als ein Konstrukt aus verschiednen Materialien. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, und näher betrachtet, dennoch viel mehr als das.

Ich stehe gerne am Fenster, und schaue oft einfach hinaus. Ich beobachte gerne Vögel, halte Ausschau nach Eichhörnchen, um ganz schnell meine Tochter zu rufen, dann beobachten wir sie gemeinsam, bis sie nicht mehr zu sehen sind. Neulich sah ich, als ich wieder einmal am Fenster stand, einen Fuchs seelenruhig vorbeigehen. Das entgeht einem, wenn man im Zimmer ist. Und viele kennen vermutlich diese Menschen, die permanent am Fenster stehen, und ohne das Haus zu verlassen, wissen sie so ziemlich alles über jeden. Weil sie beobachten.

Ich denke wahnsinnig gerne am Fenster stehend, nach. Über Alltägliches, über Dinge, die mich bedrücken und beschäftigen, über Wünsche, Ideen, über bestimmte Personen. Oft fallen mir Dinge ein, und ich stehe lachend alleine am Fenster. Wenn ich zu emotional und traurig bin, dann habe ich das Gefühl, die Weite des Ausblicks trägt die inneren Emotionen oft fort, und macht sie weniger schmerzhaft.

Ein Fenster ist wie eine Brücke zwischen dem Innen und Außen. Es ist getrennt, und dennoch durch seine Transparenz vereinbar. Auf der einen Seite siehst du die Sonne, auf der anderen, spürst du sie. Von Innen siehst du wie der Regen aussieht, von Außen kannst du ihn fühlen. Ein Fenster ist, wenn man es so ausdrücken kann, wie eine Parallelwelt. Was im Außen passiert, sieht jeder. Was hinter einem Fenster geschieht, das bleibt nur den Personen dahinter vorbehalten. Es ist ein Lichtspender und gleichzeitig Schutz. Wenn du ein Fenster öffnest, lädst du die Welt von Außen in dein Inneres, und umgekehrt. Wenn du als Mensch dein Herz öffnest, machst du das Gleiche.

Wenn man jemanden sehnlichst erwartet, dann steht man am Fenster. Es gibt einem das Gefühl, dass derjenige eher da ist. Auch wenn das nur eine subjektive Wahrnehmung ist. Ist man auf jemanden wütend, so würde man diesen umgangssprachlich am liebsten aus dem Fenster werfen, weil man so Negatives aus seinem Inneren entfernen kann.

Was für mich emotional mit einem Fenster gleichgesetzt werden kann, sind die Augen eines Menschen. Das sind die Fenster unseres Selbst. An keinem Organ lässt sich so viel über einen Menschen erahnen, wie durch seine Augen. Sie sind die Fenster zur Seele, in ihnen kann man lesen und erahnen, was in einem Menschen vorgeht. Man spürt in Ihnen Freude, Trauer, Faszination, Neugier, Ahnungslosigkeit, Angst, Interesse, Desinteresse, Mitgefühl, Sehnsucht, Begierde und Zuneigung. Fun fact: Ein Blick in die Augen sollte nicht länger als 3,3 Sekunden dauern, um noch als angenehm empfunden zu werden.

Blicke sagen mehr als tausend Worte, und hinter jedem noch so unscheinbaren Fenster, kann sich eine wunderschöne Geschichte verbergen.

© Almedina 2020-02-04

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