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Gesichter. Zwischen Leere und Hoffnung

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Gesichter. Zwischen Leere und Hoffnung | story.one

In die gleiche Richtung bewegen wir uns. Mal schneller, mal langsamer. Langsamer als uns lieb ist, obwohl es uns im Grunde nicht schaden würde in diesem Tempo zu bleiben.

Dreispurig sitzen wir eingeschlossen jeder für sich alleine, und wechseln zwischen den Spuren. Jeder in seinen Gedanken fest gefangen.

Ich sehe in die Gesichter links und rechts von mir. Zu meinen im Stau stehenden Nachbarn sozusagen.

Menschen fühlen sich im Auto, in ihrem Hab und Gut, unbeobachtet. Und das sind die Momente, in deren Gesichtern man ihr Inneres sehr gut erkennen kann.

Es ist zu meinem Bedauern erschreckend, welch Leere in so manchen Gesicht abzulesen ist. Nachdenklich, besorgt, es ist zum Greifen spürbar. Der Blick starr und emotionslos geradeaus gerichtet. Eine Fahrt irgendwo ins Nirgendwo.

Dann sind da noch die Gehetzten, die einen am liebsten über eine rote Ampel jagen würden. Man spürt wie gestresst, getrieben sie sind. Ein Dampfkessel, der überquillt, und lauter ist als 60 km/h im 1. Gang.

Ein Paar fiel mir auf. Sie schienen sich nichts mehr zu sagen zu haben. Wenn er was sagte, schien sie genervt, und sagte sie was, schienen die Knöpfe der Armatur in dem Moment wichtiger zu sein. Ich fragte mich, wieso Menschen ihre Zeit verschwenden, oder die Zeit eines anderen stehlen.

Die Blondine mit der dunklen Sonnenbrille um 7.35 Ende September schien beinahe gut gelaunt zu sein. Oder war es bloß die dunkle Sonnenbrille, die sie unberührt aussehen ließ.

Und wenn neben dir dann jemand auf dem Lenkrad trommelnd und offensichtlich grölend zu stehen kommt, so ist dies eine willkommene Abwechslung, und der Beweis, dass wir noch nicht alle so verkorkst sind.

Und ich?

Ich finde mich in Ihnen allen wieder. Ich erkenne mich in ihnen Allen. Vielleicht fällt es mir deshalb nicht schwer all diese Emotionen nachzuvollziehen. Vielleicht tut es auch deshalb oft weh.

Dort, wo wir uns unbeobachtet fühlen. Wo wir auch einmal Tränen fließen lassen, weil wir glauben, dass uns niemand sieht.

Fakt ist, wir sind niemals alleine. Entweder beobachten wir uns selber, oder ein Anderer tut es, in dem er sich wiederum in uns wiedererkennt.

Am Ende des Tages kennen wir alle Alles. Auch das Gesicht zwischen Leere und Hoffnung.

© Almedina 2020-09-24

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