Titel frei wählbar

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Titel frei wählbar | story.one

"Ich glaube, ich bin zu schwach für diese Welt." Sie hörte sich diesen Satz sagen, während Sie den Gerichtssaal betrat. Nicht, dass sie etwas verbrochen hätte, nein, dazu wäre sie zu feig.

Dazu hielt sie zu sehr an ihren Prinzipien fest, und an ihren Glauben an das Gute im Menschen. Noch während sie Platz nahm, sah sie sich den Angeklagten an.

Ein junger, relativ kleiner Mann, der trotz seiner Position als Angeklagter, und in dem Fall Krimineller, etwas Sanftes an sich hatte. Sie hatte Mitleid. Sie fragte sich was den Kerl wohl dazu getrieben hat, da zu sein, wo er jetzt ist.

Niemand kommt kriminell zur Welt. Niemand entscheidet einfach so aus sich heraus, ein solches Leben zu führen. In Handschellen vorgeführt, abgestempelt und zum Scheitern verurteilt. Niemand wächst heran, in der Hoffnung so zu enden. Diebstahl.

Ja, sie hatte sich sehr über den Diebstahl geärgert. Sie hatte kein Navi mehr, um von A nach B zu kommen. Sie suchte vergebens nach Wut. Nach Ärger. Da war nichts. Nichts außer Mitleid, und etwas Traurigkeit.

Vielleicht auch Scham. Sie ist der Meinung, dass so etwas natürlich nicht rechtens ist, aber während es ihr zu gut ging, um sich über den Verlust eines Navis zu ärgern, begeht manch einer kriminelle Taten. Vielleicht, um sich etwas zum Essen zu kaufen. Vielleicht, um sein Überleben zu sichern. Vielleicht auch nur, weil er im Leben nie eine Chance hatte.

Während sie versuchte, diese Gedanken zu sortieren, hörte sie die Richterin fragen: “Bestehen Sie auf Schadensersatz?” “Nein, Euer Ehren, ich verzichte.”

Sie dachte, sie wäre zu schwach für diese Welt. Vielleicht war sie all die Zeit zu stark, und die Schwäche ist die daraus resultierende Antwort, dass man im Leben auch mal schwach sein darf.

Dass es ok ist, so wie es ist. Dass starke Menschen auch jemanden brauchen. Jemanden, der sie so nimmt wie sie sind.

© Almedina