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#cultureclub#weltbleibwach

Zwiegespalten

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Zwiegespalten | story.one

Unwillkürlich mache ich mir Gedanken rund um dieses Wort. Heimat. Ich frage mich, wie sich dieses Wort genau definiert.

Auszug: „Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen prägen.“

Das bringt mich zum Nachdenken, wo denn nun meine Heimat, und meine sogenannten Wurzeln liegen. Was ist für den Fall, dass man in einem Land geboren, die Sozialisationserlebnisse aber in zwei verschiedenen Ländern in früher Kindheit erlebt hat? Wie sehr wirkt sich das auf die Identität, Charakter, Mentalität etc., aus?

Ich wurde in Bosnien (damals Jugoslawien) geboren. Bis zu meinem neunten Lebensjahr, gab es für mich keine andere Heimat. Ich sprach Bosnisch, war mit der Kultur, Mentalität und den Gepflogenheiten des Landes vertraut. Ich ging zur Schule und hörte nationale Musik. Meine Freunde waren wie ich, zwischen uns gab es keine Unterschiede. Das Wort Ausländer war mir fremd, denn es war nicht in meinem Sprachgebrauch.

Ein paar Monate nach Ausbruch des Balkankrieges, floh ich mit meinen Eltern und meiner um vier Jahre jüngeren Schwester nach Österreich. In einem neuen Land fühlt man sich fremd. Man steht vor einer sprachlichen, sowie kulturellen Herausforderung. Mit der Zeit überwindet man auch diese Hürden. Man lernt die Neue Heimat zu lieben und zu schätzen, wie die davor.

Was allerdings bleibt, ist die Zwiespalt, die man im Laufe des Lebens immer wieder erkennt. Man ist nicht ganz von dort, aber auch nicht ganz von da. Man entscheidet sich für einen Lebensmittelpunkt, hat aber noch viele Pünktchen wo anders. Man wird in Bosnien als Ausländer gesehen, und in Österreich oft auch. Man kann die Österreichische Nationalhymne auswendig, und die Bosnische garnicht. Was machst du wenn Österreich gegen Bosnien Fußball spielt. Zu wem hälst du? Wenn du auf Deutsch träumst, und deine Kinder kein Bosnisch sprechen. Im Grunde sehe ich es nicht als Hindernis, im Gegenteil. Es ist eine Bereicherung. Trotzdem bleiben Fragen offen. Trotzdem merke ich oft, wie mich so vieles zu meiner alten Heimat zieht, obwohl ich meine Neue irrsinnig mag, und oft ist es umgekehrt. Ich habe manchmal das Gefühl, mich entscheiden zu müssen. Ich fühle mich oft wie zwischen zwei Welten hin und hergerissen. Ich komme mit beiden wunderbar klar, jedoch, kann man zwei verschiedene Meinungen vertreten?

Wer genau ist man davon selbst? Kann man zwei verschiedene Mentalitäten leben? Ich persönlich mag das Wort „integrieren“ überhaupt nicht. Ich integriere mich nicht. Ich bin immer der gleiche Mensch. Ich vertrete die gleichen Grundwerte egal ob da, dort oder sonst wo. Wenn ich ein respektvoller Mensch bin, brauche ich mich nicht zu integrieren, ich interagiere natürlich.

Ich bin oft nur zwiegespalten. Das ist alles.

© Almedina 2020-01-02

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