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Herz über Kopf

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Herz über Kopf | story.one

Ich liege in meinem Bett in dem schmalen Kabinett. Die Decke, die ich seit Stunden anstarre, ist gefühlt höher, als der Raum breit ist. Der Schlaf will mich nicht erlösen, von den dunklen Gedanken, die sich in meinem Kopf breit machen. Während die Tränen in Rinnsalen die Schläfen befeuchten, spielt sich in meinem Kopf immer und immer wieder nur die eine Szene ab.

Ich war dieses Wochenende wieder bei euch zu Besuch. Am Samstag waren wir einkaufen, ich sollte dich fahren, weil Papa mit irgendwas beschäftigt war. Also haben wir uns mit meinem Toyota Corolla auf den Weg zum Hofer gemacht. Für mich erschien die Gelegenheit perfekt, um mich dir anzuvertrauen, um dir zu sagen, was mich schon seit Wochen beschäftigt, wozu ich aber noch keinen Mut aufgebracht hatte. Im Geschäft schiebe ich den Einkaufswagen, du erledigst die Einkäufe, wir plaudern über Belangloses. Als wir an der Gemüseabteilung vorbei sind, stelle ich dir die Frage, vor der ich mich so sehr fürchte. "Was wäre eigentlich, wenn ich mit einem Österreicher zusammen wäre?", versuche ich harmlos zu formulieren. Du siehst mich an, überlegst gar nicht lange und sagst diese Sätze, die mich tief in meinem Inneren treffen. "Denk am besten gar nicht dran. Dann wärst du nicht mehr unsere Tochter. Solltest du jemanden haben, machst du lieber sofort Schluss."

Die Worte hallen in meinem Kopf nach. Wie betäubt gehe ich weiter, schiebe den Einkaufswagen, während du den Rest der Einkäufe erledigst und weiterhin über Belangloses sprichst. Mir aber ist nur noch nach Heulen zumute. Ich hatte auf eine andere Reaktion gehofft, obwohl ich wusste wie du bist und wie oft du mir solche Sachen an den Kopf geworfen hast. Den Rest des Wochenendes bin ich geistig abwesend, versuche das Gesagte zu verarbeiten, mich zu sortieren.

Am Sonntag abends bin ich wieder in meiner Wohnung in Wien. Ich habe mit ihm telefoniert, mir nichts anmerken lassen von meiner inneren Unruhe, wir haben verabredet uns morgen nach der Arbeit bei mir zu treffen. Er weiß noch nichts von meinen Überlegungen, von den dunklen Schatten, die mich plagen. Ich gehe früh ins Bett und hoffe, dass der Schlaf mich etwas beruhigt. Ich plane, wie ich ihm beibringen soll, dass unsere junge Beziehung nun vorbei ist. Ich wähle die Worte, die ich ihm sagen muss, um ihn so wenig wie möglich zu verletzen. Und während ich darüber nachdenke, bahnen sich die Tränen ihren Weg. Sie sind der letzte Versuch meines Herzens aufzubegehren. "Hör auf! Tu das nicht! Denk nicht mal dran ihn gehen zu lassen! Du hast so lange auf jemanden wie ihn gewartet, du kannst ihn nicht verlassen!", schreit es verzweifelt aus meinem Inneren und kämpft gegen den Verstand an. Er tut sogar körperlich weh, dieser Herzschmerz. So geht das stundenlang, bis mich der Schlaf irgendwann übermannt.

Als er am nächsten Abend vor meiner Tür steht, ist die Entscheidung längst gefallen. "Ich hab dich vermisst!", sagt er. Ich strahle ihn an. "Ich dich auch!"

© Amela Müllner-Avdić 2020-08-04

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