Das Geschenk

"Steigt ein! Steigt endlich ein!" Der uniformierte Mann mit seiner wichtig erscheinenden Schirmmütze drängte die ängstlichen Menschen an die Bahngleise, auf dem die Züge warteten. Ihnen war nicht viel geblieben, was sie mitnehmen durften nach Auschwitz, die wichtigsten Utensilien wie Familienfotos und etwas Wechselwäsche zum Anziehen hatte man vor der Abreise hastig in die Koffer stecken dürfen. Marie feierte heute ihren zehnten Geburtstag. Eng kuschelte sie sich an ihren Vater, der ihrer Mutter über die rostige Eisentreppe in den Zug verhalf. "Ich habe Angst", flüsterte sie leise. "Und ich noch ein Geschenk für dich", antwortete ihr Vater. Er zauberte seiner kleinen Tochter ein Strahlen in ihre blauen Augen und ihre Angst war gleich verflogen. Die Menschen drängten sich dicht an dicht in den stickigen Zugabteilen. Man konnte kaum Luftholen, so schwer legte sie sich auf die Atemwege. Der Vater von Marie kramte in seinem Koffer. Ein Versprechen musste man einhalten. Das Geschenk. Eigentlich hatte er gar kein Geschenk. Kein spezielles zumindest. Er hatte nichts mitnehmen dürfen außerhalb der Reihe. Die SS-Leute waren gründlich in ihren Durchsuchungen gewesen und sie hätten nichts geduldet, das aus Gold oder Silber gewesen wäre. Staatseigentum, hieß es. Alles gehöre dem Staat. Die Juden hätten die Deutschen bestohlen. Maries Vater war kein Dieb. Er war Arzt. Hatte eine angesehene Praxis in Berlin geführt. Niemand von ihnen war ein Dieb. Niemand der Mitreisenden im Zug hatte sich jemals etwas zu Schulden kommen lassen und doch behandelte man alle von ihnen wie Schwerverbrecher. Endlich hatte er es gefunden. Das kleine Pferd. Aus Porzellan. Er hatte es gekauft. Für Marie. Zum Geburtstag. Sie wünschte sich so sehr ein eigenes Pony und er hatte ihr diesen Wunsch nicht mehr erfüllen können. Schon während er es in Händen hielt, wusste er, sie würden nicht mehr zurückkehren. Sie würden am Ende alles verlieren, ihr Zuhause und sogar ihr nacktes Leben. Es brach ihm das Herz. Doch das kleine weiße Porzellanpferd, es erlaubte ihnen, wieder an Wünsche und Träume zu glauben. In einer verdammt dunklen Zeit spendete es Hoffnung und Licht. Marie strahlte über das ganze Gesicht und ihre Wangen leuchteten rot vor Aufregung, als der Vater ihr das Geschenk zum Geburtstag überreichte. "Und immer wenn du traurig bist, Marie, dann träumst du, dass dich dieses Pferd dorthin trägt, wo du gerade sein möchtest!", lächelte er mit Tränen in den Augen. Marie fragte ihn staunend: "Wird es mich auch in den Himmel tragen?"

Und ja, es trug sie in den Himmel... und noch viel weiter

Dorthin, wo die ewige Freiheit herrscht-

Für alle Menschen.

Gedanken zum Holocaust von Anais C. Miller

© AnaisCMiller