One more try

Da liege ich jetzt hellwach in meinem Bett! Es ist bereits weit nach Mitternacht, doch an Schlaf ist beim besten Willen nicht zu denken. Was war das nur für ein besonderes Date, mit einem ganz besonderen Menschen?! Ich wollte nicht schlafen.

„Du kannst schlafen! Und am Besten steigerst du dich da jetzt mal überhaupt nicht rein. Der meldet sich ja sowieso nie wieder bei dir. Der könnte 10 Traumfrauen an jedem Finger haben und verschwendet sicher keine einzige Sekunde mit dir!“ Die Nüchterne in mir versuchte mich auf den Boden der Realität zurückzuholen.

Bei mir lief immer Musik beim Einschlafen. Sie nahm mir das Gefühl der Einsamkeit, wenn ich allein zuhause war. Ich erinnere mich nur noch an die sanfte Stimme von George Michael, mit der ich dann doch irgendwann in den Schlaf sank.

„Guten Morgen, tolle Frau! Ich hoffe, du bist gut zuhause angekommen. Danke noch einmal für den unvergesslichen Abend, ich habe jede Sekunde mit dir genossen! Fühl dich sanft umarmt. Küsschen, W.“

Ich traute meinen Augen kaum, als ich am Morgen aufwachte und diese Nachricht auf meinem Handy vorfand. Sie war der Startschuss für eine Flut an Nachrichten, die in den nächsten Tagen hin und her gehen sollte. So unendlich wertschätzend, respektvoll, witzig und auch romantisch, dass ich begann den Haken an W. zu suchen! Ich glaubte es schlichtweg nicht, dass ein Mann ohne Hintergedanken so mit einer Frau umging, und war mir sicher, dass ich einem skrupellosen Serienkiller in die Falle gegangen war! Doch sogar das war mir egal, ich war bereit, das Risiko einzugehen.

Wir vereinbarten ein Treffen für kommenden Sonntag bei ihm zuhause. Um mich selbst zu schützen zog ich alte, ziemlich unsexy Unterwäsche an. "So laufe ich nicht Gefahr, dass wir uns zu nahe kommen." Wahrscheinlich.

Als ich mich auf den Weg zu W. machte, schrieb ich einer Freundin noch eine kurze Nachricht: „Ich bin heute nach dort und da, zu W. gefahren. Solltest du morgen nichts von mir hören, bitte ruf die Polizei!“ Klingt ziemlich paranoid,ich weiß.

Ich bog in die Einfahrt seines Hauses, wo er schon auf mich wartete. Lässig wie beim ersten Mal. Zur Begrüßung hat er mich vorsichtig umarmt, aber nicht geküsst!

„Komm rein und fühl dich wie zuhause.“ Das fiel mir ziemlich leicht, denn im Hintergrund lief „one more try“ von George Michael – eines meiner Lieblingslieder! Alles fühlte sich unsagbar natürlich an, so als würden wir uns schon ewig kennen. Wir blödelten herum, tranken Kaffee, er massierte mir die Füße! Ich fühlte mich wie in einem kitschigen Liebesfilm.

Stunden vergingen bis zum ersten Kuss! Was soll ich sagen, dieser Kuss hat mich alle meine guten Vorsätze über Board werfen lassen. Alte Unterwäsche hin, oder her, W. war diesen „one more try“ einfach wert.

Ich bin geblieben. Über Nacht. Und am nächsten Morgen sind wir nebeneinander aufgewacht. Das schönste Gefühl seit ewigen Zeiten...

© Andersdenkerin