Kriegszeiten

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Kriegszeiten | story.one

Heute Morgen als ich hinaus ging, um die Tiere zu füttern, ging die Sonne auf über den Hügeln. Klar ist der Himmel und ich sehe den Frühling, wie er immer mehr erwacht. Ich grüßte die Sonne. "Guten Morgen Sonne."

Das hatte ich noch nie gemacht. Doch es kam mir so. Wie eine Freundin, die immer da ist und jeden Tag auf's Neue auftaucht. Denn ich fühle mein banges Herz weinend. Und das Bild der alten Frau taucht ständig auf. Auch heute Morgen, war dies das erste Bild beim Aufwachen. Als dieses ganze Chaos ausbrach im Dorf, sah ich sie oben am Fenster. Sie hatte die Ellbogen auf den Fensterrahmen gestützt und ihr Gesicht in den Händen verborgen. Ich glaube sie weinte vor Erschöpfung, Traurigkeit und Entsetzen. Es ist jetzt ein Monat, in dem wir derartigen radikalen Massnahmen ausgesetzt sind.

Und seit gestern ist es noch einmal anders. Die erste Tote. Hier. Nicht irgendwo im Norden. Marcella tut mir so Leid. Ihr Sohn lebt in Cremona im Norden. Im Zentrum der Katastrophe. Er wollte noch herkommen, doch es war zu spät. Sie hatten Cremona abgeriegelt. Keiner durfte mehr raus.

Ich traue mich eigentlich nicht mehr raus seit gestern. Weniger, dass ich Angst um mich hätte, sondern um Mama und Marcella. Es gibt zwar einen Zustellungsdienst, doch die jungen Leute sind hoffnungslos überfordert. Es sind zu viele. Doch es geht nicht nur um die Zustellung von Lebensmitteln, es geht um den Kontakt. Das Reden, da sein, damit der andere weiß, er ist nicht alleine. Das ist genauso lebensnotwendig wie Lebensmittel.

Mich zerreisst es innerlich gerade.

Zum einen habe ich große Hoffnung, dass sich die Welt und die Menschheit jetzt verwandeln kann. Für eine menschlichere Gemeinschaft. Am Anfang der Einschränkungen, der Zeit des Stillstands war da Freude! Jetzt, endlich ist da Mal Ruhe, dachte ich. Endlich geben die Mal Ruhe. Die Maschinen stehen still. Ich fasste es nicht. Die Natur hat endlich eine Atempause. Als ich die Bilder der Delphine sah, wie sie wieder in die Nähe der Menschen kamen, waren da Schauder der Freude. Denn ich leide schon lange am normalen Wahnsinn unserer Welt.

Ich will nicht, dass dieser Wahnsinn nach der Krise so weiter geht wie bisher. Die Hoffnung ist da. Jetzt. Ob es gelingen wird, daran hege ich natürlich große Zweifel.

Dann versuche ich natürlich mich selbst zu halten. Mir die Freude am Leben zu erhalten. Ich möchte im Frühling sein. Vorgestern sah ich dem Hochzeitsflug der Ameisen zu. Wie sie schwebend in der Luft tanzen. Ich sehe die gelben Primeln am Bach. Die Hummeln, wie sie schwerfällig zu den Blüten kommen. Die Natur erwacht jetzt überall, und bald ist Ostern. Eigentlich einen Freudenfest.

Doch dann diese ganzen Schreckenszenarien. Die Angst, das Entsetzen ergreift mich ja auch. Die Glocken von San Donnino läuten auch nicht mehr. Sie haben dem Bruder von Don Franco jetzt endgültig verboten, zu der Kirche hinaufzufahren.

Ja, die Glocken von San Donnino sind wieder verstummt und wir auch.

© Andrea Doderer 05.04.2020