Sirenen

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Sirenen | story.one

Eigentlich kann keiner mehr von uns. Wir sind müde und erschöpft. Doch heute schon wieder. Wieder die Sirenen der Ambulanza, dahinter der Notarzt. Die Sirenen zerren an unseren Nerven zusätzlich. Sie sind wie Nadelstiche in unsere wunden Herzen. Wieder das rattendere Dröhnen des Hubschraubers über dem Tal und wir wissen nicht kommt er als Rettung für einen von uns in den weit entlegenen Höfen oder ist er Kontrolle.

Wie erstarrt drehen wir uns in die Richtung in die der Notarzt fährt. Wer ist es diesmal? Was ist passiert? Der Virus oder etwas anderes Schlimmes? Wir wissen nur eines, egal ob Virus oder nicht. Jeder der abtransportiert wird, begibt sich in die Zentren der Gefahr. Dort wirklich infiziert zu werden und dort alleine gelassen zu werden ist absolut real. Vorgestern starb wieder einer der Ärzte, inzwischen sind es hundertsiebzehn Ärzte die am Virus gestorben sind und noch einmal so viele vom Pflegepersonal. Täglich sterben immer noch zwischen fünfhundert und siebenhundert Menschen. Alleine. Ihre Körper werden zwischen tausenden anderen aufgebahrt und vom Militär irgendwohin transportiert. Wir wollen gar nicht mehr wissen wohin.

Wir sind erschöpft und müde. Wir können eigentlich schon lange nicht mehr. Diejenigen die von den Bergen herunter kommen, scheinen noch Kraft zu haben. Wir unten im Dorf nicht mehr. Die Augen hinter den Masken sind leer, die Stirn gefurcht und sorgenvoll. Tiefe Furchen durchziehen die Wangen bei so manchen. Zu lange geht das schon so. Die Sirenen gleichen dem Bombenalarm im Krieg, erzählte mir einer, der den Krieg noch miterlebt hatte. Sie seien ängstlich in ihren Kellern gesessen und das für viele Jahre. Auch sie hätten nicht gewusst, wie lange der Schrecken noch andauern würde. Das Nichtwissen wann es endlich aufhören würde, sei mit das Schlimmste gewesen. Auch, wen es als nächsten treffen würde.

Nur die Jungen blühen auf. Denn sie sind so wichtig für alle geworden. Sie sammeln Lebensmittel ein, um sie denen zu bringen, die in Not sind. Sie helfen wo sie können und man sieht es ihnen an, wie stolz sie darauf sind, so gebraucht zu werden. Endlich erhalten sie viel Anerkennung von allen Dorf und Bergbewohnern.

Am Karfreitag haben ein paar Frauen über Lautsprecher die Liturgien der Freitagsprozession gebetet. Das ganze Dorf stellte Lichter und Kerzen an die Fenster und Balkone und betete mit.

Wir beten jetzt alle und bitten um Hilfe zu Gott, dass das endlich aufhört.

© Andrea Doderer 18.04.2020