Erfolgreich gestrandet

Und plötzlich war da jemand, der anders war. Der anders aussah, der anders sprach. Es war nicht nur einer, es waren viele. Plötzlich, mit dem Einbruch der Dunkelheit sind sie da gewesen. Als wären sie von irgendwoher hereingeschwemmt worden. Zumindest erschien es mir damals so. Was wusste ich schon viel davon, ich war doch noch ein Kind.

Wir müssten ihnen helfen, hat es geheißen. Sie bräuchten dringend unsere Unterstützung. Schnell. Wer konnte ihnen Schlafplätze zur Verfügung stellen? Wer konnte für sie kochen? Wer konnte ihnen Essen vorbeibringen? Wer brachte ihnen Kleidung, Schuhe? Zum Glück waren die Temperaturen draußen noch annehmbar. Eilig wurde nach Lösungen gesucht. Rasch waren sie gefunden. Sie brauchten uns in diesem Moment. Das spürte jeder von uns.

Im Fernsehen hatte man bereits all die schrecklichen Bilder gesehen. Unvorstellbar, dass das sein konnte. Dass es so weit kommen konnte, in einem Land, ganz nahe bei uns. Es war allen klar, dass sie sich in einer Notsituation befanden und ihnen geholfen werden musste. Niemand fragte, wie lange sie bleiben würden. Ob es nur für eine Nacht war oder zwei. Oder ob sie bleiben würden, für immer. Es waren ja quasi unsere Nachbarn. Sie sprachen ja die Sprache unserer Vorfahren. Wer weiß, vielleicht war es denen damals auch so ergangen. Wir waren also durchaus mit ihnen verbunden. Sie waren uns nicht ganz so fremd. Wir konnten uns gut verständigen und somit auch verstehen.

Wir haben sie bei uns aufgenommen. Wir haben ihnen eine neue Heimat gegeben. Sie sind zu uns gekommen und viele sind geblieben. Bis heute. Viele von ihnen leben noch immer da. Sie sind unsere Freunde geworden. Viele sind unter sich geblieben, aber einige haben ihre Partner und Partnerinnen hier gefunden. Ihre Kinder sind hier geboren. Ihre Kinder gehen mit unseren in die Schule. Sie wachsen zusammen auf. Es sind nun alles unsere Kinder.

Die Grenzen in ihrem ehemaligen Heimatland sind neu gezogen worden. Sie waren damals mit ein Grund für ihre Flucht. Doch die Grenzen in den Köpfen der Menschen hier sind allmählich verschwunden. Es macht keinen Unterschied mehr, woher sie ursprünglich kamen und wer sie einmal waren. Jetzt wohnen sie hier und sind ein Teil unserer Gemeinde. Ein Teil von uns. Und das ist gut so.

(Auch, wenn ich jetzt nicht mehr in meinem Heimatort Klingenbach wohne, ist die Erinnerung an die Flüchtlingswelle aus dem ehemaligen Jugoslawien noch immer sehr präsent.)

© Andrea Kerstinger