Einmal auseinwandern, bitte

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Einmal auseinwandern, bitte | story.one

„Was ist der Unterschied zwischen Georgiern und Ausländern?“, fragt Sabine.

„Zweitere sind bunter angezogen“, schießt Nino aus der Pistole.

„Das war nicht immer so“, tönt Nana ins exklusiv weibliche, aber vielländrige Gemurmel, „es gab nur bunte Kleidung zu kaufen. Brauchte man etwas Schwarzes, musste man es entfärben lassen und das war teuer.“

Einwanderer nennen sich hier Auswanderer. Sie bringen ihre Gewohnheiten, Werte und Devisen. Verliert man sich in diversen einschlägigen digitalen Gruppen, scheinen herrenlose Vierbeiner ihre größte Sorge zu sein, dicht gefolgt von der Frage, wo man denn das dementsprechende vegane Futter bekommt. Sodann herrscht große Sorge darüber, wo exakt die Produkte erhältlich sind, die man doch daheim so einfach bekommt. Darüber kann man übrigens auch lange bei einem der zahlreichen Auswanderertreffen philosophieren. Ebda schwadroniert man in Muttersprache oder Englisch, zehn Prozent eines durchschnittlichen georgischen Monatsgehalts plätschert in den eifrigen Mund, der sich dann auch gerne choral darüber beklagt, dass man über´s Ohr gehauen wird, was daheim ja nie passieren würde.

„Weißt Du eigentlich, dass unter dem Freiheitsplatz die alte Tifliser Oper ist? Sie haben den Platz einfach drüber gebaut“, sagt Torro bei einem Spaziergang. „Schau, es ist Sonntag Nacht und sie hängen um drei Uhr Früh die Weihnachtsbeleuchtung auf. Sie verdienen einen Scheiß“, murmelt er, bevor er mit einem der Arbeiter redet und Fotos von dem bombastischen Leuchtwerk aus China macht, das kilometerlang erstrahlen wird. Ich schaue ihm nur ins Gesicht, gespannt, ob er mehr sagen wird. „Wir sind eine junge Demokratie. Wir müssen erst lernen, was das bedeutet. Aber wir zerstören unsere Vergangenheit, unsere Kultur, nur um Prachtbauten für viel Geld zu errichten, die Eindruck schinden und Touristen anziehen sollen. Was hat die Frau von der Straße davon? Nichts! Falls sie überhaupt einen Job bekommt, verdient sie so wenig, dass sie noch immer ums Überleben kämpfen muss.“, schließt er.

„Eine Flasche Rotwein!“, „Was kostet das?“, „Hallo!“, „Bitte“, „Danke“, scheint mir der durchschnittliche georgische Wortschatz zu sein, den viele Auswanderer nach einigen Jahren ihr eigen nennen.

„Ist aber auch eine schwierige Sprache, gänzlich eigenständig, andersartig...“, übereinstimmt man beim Schweinsbratenkochen und Christbaumschmücken.

Ich habe einen Lieblingssupermarkt. Täglich versucht man mir dort charmant neue Wörter beizubringen. Nach viereinhalb Monaten radebreche ich immer noch nur sieben hiesige Wendungen. Mit schmutzigem Gewissen lebe ich das, wovon sehr Andersartige daheim sagen, dass solch eine Ignoranz ausgemerzt werden muss.

So einfach ist es also, wegzugehen und doch nicht richtig anzukommen. Und das liegt beileibe nicht daran, dass hier Unwillkommenskultur waltet. Mir wird geholfen, uneigennützig, gastfreundlich, strahlend. Wie gemein ist das denn, bitte?

© Andrea Plank 14.02.2020