Sie sehen aus wie Anastasja...

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Sie sehen aus wie Anastasja... | story.one

„Ja! Wirklich! Drum habe ich Sie ja schon die ganze Zeit angelacht. Sie sehen tatsächlich aus wie sie. Ich dachte mir, da kommt sie, das gibt es ja nicht!“ Mit sprühenden Augen steht der Mann auf, hält seine Hände in Höhe meines Gesichts, als wolle er sich vergewissern, dass ich nicht doch sie bin.

„Ich habe einen Film mit ihr gemacht, müssen Sie wissen, damals in Amerika. Sie ist zwar ein bisschen jünger als Sie, aber sonst... sonst, also diese Ähnlichkeit, das Auftreten, alles... Ich habe Anastasja jetzt schon lange nicht mehr gesehen, es geht ihr nicht gut, gesundheitlich. Aber damals, als wir den Film zusammen gemacht haben, da hat sie immer zu mir gesagt: ´Mach es, wenn Du das Gefühl hast, es ist gut, mach es! Hör nicht auf die Anderen! Mach es.` Ich bin Pianist, ich habe einen Pianisten gespielt im Film. Und Anastasja, hach...“

Überrascht rumple ich nach Worten, die der erkleckliche Verkehrslärm im Zentrum von Tiflis nach „Wirklich, das ist ja unglaublich...“ gnädig mit sich trägt. Gut so. Sie würden ohnehin von dem stetigen Sprudel verschlungen werden. Dergestalt entbunden mustere ich mein Gegenüber. Ganz in Schwarz, vom friedhofsblonden Haar, das andächtig Richtung Hinterhauptlappen onduliert ist, über die zeitlose Segeltuchtasche, bis zu den Lackschuhen. Ganzheitlich zerknittert, wie es sich für einen Künstler gehört. Ebenso der trinkalkoholische Odem. Ja, denke ich mir verträumt, genau deswegen bin ich hierhergezogen. Das passiert sicher nur hier. Ein Wildfremder lässt dich in sein Leben schauen. Das kann nur an meiner globusumarmenden Ausstrahlung liegen. Meine Mundwinkel wandern gen Norden.

„Das waren Zeiten damals... Ich war lange in Amerika. Kanada. Aber dann war ja das mit Russland, Sie wissen schon. Jetzt bin ich wieder hier. Und meine Tochter ist am Flughafen. Seit drei Stunden schon. Ich weiß nicht, was los ist. Ich kann sie nicht anrufen, sehen Sie nur!“ So schnell kann die Lesebrille gar nicht auf den Nasenrücken fliegen, schon verstaut er das Widerspenstige wieder. „Haben Sie vielleicht ein paar Münzen, nur ein paar Lari für mich? Dann kann ich da hineingehen und telefonieren.“

„Sie wollen also mein Geld?“, frage ich im freien Hochmutfall.

„Nein, bitte, sagen Sie das nicht so... Ich bin ja nicht irgendwer. Ich bin berühmt. Groß!“

Die Mundwinkel überdenken schnell einen Kurzwechsel, die Rechte macht sich schon auf den Weg zu meinem Zaster. „Das sind alle Münzen, die ich habe.“

„Das ist ja zu wenig. Geben Sie mir doch einen 5-Lari-Schein. Sie haben doch sicher einen, nicht? Einen 5-Lari-Schein. Warten Sie, ich gebe Ihnen 20 Dollar dafür.“ Eilig beginnt er an seiner Tasche zu zerren. Ich warte. Er erinnert mich an den Schein. Ich warte auf seinen. Zumindest bekannt machen möchte ich mich mit ihm. Weilchenlang wiederholen wir das. Ich berühre ihn leicht am Ellbogen. Wir sehen uns in die Augen. „Alles Gute für Sie“, sage ich. Gar nichts sagt er. Ich fühle mich schäbig auf dem Weg in meine 500 Euro-Wohnung.

© Andrea Plank