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Kloster für Anfänger

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Kloster für Anfänger | story.one

Ich wollte schon immer ins Kloster. Nicht ins katholische, ich wollte ins buddhistische Retreat. Ich hatte gerade eine schwierige und aufreibende Beziehung hinter mich gebracht und brauchte dringend Abstand. Die 8.600 Kilometer zwischen Linz und dem buddhistischen Zentrum in Colorado erschienen mir dafür passend.

Nach der beschwerlichen Reise freute ich mich auf eine heiße Dusche und ein kuschliges Bett. Dazwischen sollte nur mehr eine einstündige Autofahrt mit Tanja liegen, einer der Mitarbeiterinnen, die sich als Shuttle zur Verfügung stellte.

Tanjas einziges Gesprächsthema während dieser Fahrt waren giftige Spinnen. Davon hatte ich doch nichts im Reiseführer gelesen?... Ihr Biss töte zwar nicht, aber immerhin würde er heftige Lähmungserscheinungen verursachen.

"Alles kein Problem, wenn man es rechtzeitig ins Krankenhaus schafft", lachte sie. Das sollte mich wohl beschwichtigen. Tat es aber nicht.

Im Zentrum angekommen stand als nächstes die Lektion über Bären an: Spaziergänge ausschließlich mit Trillerpfeife, Glöckchen stets am Rucksack befestigt, Bärenspray immer in der Jurte.

"In der was?", fragte ich.

"In der Jurte. Du schläfst in der Frauenjurte."

Da starb sie, die Hoffnung auf das kuschlige Bett.

Eine Frau, die mir als Lisa vorgestellt wurde, hielt mir ihren dunkelhaarigen Schopf unter die Nase und zeigte mir irgendetwas auf ihrer Kopfhaut. Was war das? Bisswunden? Ausschlag? Läuse?

Offenbar gab es in Colorado eine Art von Fliegen, die kleine, schmerzhafte Wunden zufügte.

Nun war der Damm endgültig gebrochen. Das war einfach zuviel für mich. Ich brach in Tränen aus.

Tanja hatte die Situation fest im Griff und bot einen Besuch bei der hausinternen Psychologin an.

"Ich brauche keine Psychologin", schluchzte ich, "ich will nach Hause."

Ich kam mir so dumm und kindisch vor. Was hatte ich mir bloß dabei gedacht? Ob sich der Termin für den Rückflug wohl vorverlegen ließe? Drei Monate erschienen mir plötzlich wie eine Ewigkeit.

Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, machte ich mich schließlich auf, um mein Quartier zu beziehen.

"Und immer ausreichend trinken!" rief mir Tanja nach, "wir sind hier auf 7.000 Fuß."

"Weiß ich!", rief ich zurück und freute mich, dass ich wenigstens darauf vorbereitet war. Den ganzen Tag über hatte ich mich schon literweise mit Wasser vollgepumpt.

Aber auch das sollte sich noch böse rächen...

Stundenlang lag ich mit gekreuzten Beinen auf der Matratze, um mir ein dringendes Bedürfnis zu verkneifen. In der Jurte gab es natürlich keine Toilette. Ringsum waren nur Wiesen und das weite Himmelszelt. Durch meinen Kopf zogen Horrorbilder, wie mich die Bären in der Luft zerreißen und sich um meine Eingeweide zanken würden, sobald ich auch nur einen Fuß ins Freie setzte.

Irgendwann ging es nicht mehr. Ich musste einfach raus. Ich stieß die hölzerne Tür auf und erstarrte auf der Schwelle.

Noch nie im Leben hatte ich so viele Sterne gesehen.

photocredit: Shanti Raja / Unsplash

© Andrea Eva Ritzberger 01.09.2020

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