Aus den Augen, aus dem Sinn

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Aus den Augen, aus dem Sinn | story.one

Kennen Sie das? Da drückt man viele Jahre gemeinsam die Schulbank, motiviert einander vor Prüfungen und heckt gemeinsam manchen Schabernack aus. Dann kommt der letzte Schultag, man freut sich noch gemeinsam über den erfolgreichen Abschluss und verspricht einander sich von Zeit zu Zeit zu melden.

Beim ersten Klassentreffen kann man wegen Krankheit nicht teilnehmen. Dann übersiedelt man und vergisst seine neue Adresse bekanntzugeben und bald sind die ehemaligen Schulkollegen vergessen.

Ähnliches passiert am Arbeitsplatz. Viele Jahre hat man mit einem netten Kollegen den Schreibtisch und so manche berufliche Herausforderung geteilt, ist ab und zu auf ein Feierabend-Bier gegangen und dann geht man schweren Herzens auseinander. Der Kollege geht in den verdienten Ruhestand oder muss ab nächsten Monat in der Zweigstelle im anderen Bundesland arbeiten. Die ersten Monate telefoniert man noch ab und zu, aber die gemeinsamen Erlebnisse fehlen und die zusammen verbrachten Jahre verblassen zusehends.

Aus den Augen, aus dem Sinn denkt sich wohl auch so mancher Vater, der seine Tochter ins Internat steckt, damit sie den Nachbarjungen nicht mehr anhimmeln kann. Die beiden jungen Menschen sind überzeugt, dass ihre Liebe groß genug ist, diese Zeit zu überstehen. Aber schon bald verflüchtigt sich die Sehnsucht und neue Bekanntschaften rücken in den Blickpunkt.

Manches Mal ärgert man sich über sich selbst. Wenn eine Mahnung im Postkasten liegt und jetzt noch zusätzliche Mahnspesen anfallen. Dabei wollte man doch pünktlich überweisen. Aber weil man auf sein Gedächtnis vertraut hat, anstatt sich die Rechnung gut sichtbar auf den Tisch zu legen, hat man die Zahlungsfrist versäumt.

Gerade dieses Beispiel macht verständlich, wie sich Menschen mit Demenz fühlen, wenn sie trotz Kalendereintrag den Termin beim Arzt vergessen oder nicht mehr wissen, wo sie ihre Brille hingelegt haben. Das visuelle Kurzzeitgedächtnis ist überfordert und kann optische Eindrücke nicht mehr speichern.

Aus den Augen, aus dem Sinn so verhält sich leider auch oft das Umfeld, wenn jemand die Diagnose Demenz erhält. Oft ist der Gedanke „die Person kann sich nachher sowieso nicht mehr erinnern, dass ich bei ihr war“ der Auslöser, dass die Betroffenen im Stich gelassen werden. Sogenannte gute Freunde oder Kollegen von Vereinen, ja manchmal sogar die eigene Familie kehrt der erkrankten Person den Rücken. Dabei bräuchte es gerade in diesen Tagen mehr Zuwendung und Geborgenheit als je zuvor.

Weshalb halten so viele Abstand und beenden Beziehungen, die jahreslang gut funktioniert haben? Ich denke, dass hat damit zu tun, weil das Wort Demenz so eine Bedrohung darstellt, dass die Menschen dahinter einfach nicht mehr wahrgenommen werden.

Aus den Augen, aus dem Sinn hilft den betroffenen Familien nicht mit den Veränderungen klar zu kommen. Was sie brauchen ist ehrliche Anteilnahme mit offenem Herzen und einer helfenden Hand.

© Andrea Stix