Brasilien: kriminelles Sao Paulo..

Die Grenzstation in Iguazu war einsam und verlassen, also waren die Formalitäten schnell erledigt. Beim Warten auf den nächsten Bus gesellte sich ein netter Beamter zu mir, nachdem er sich ohnehin langweilte. Er brachte mir Kaffee, lernte mir die ersten portugiesischen Wörter und versorgte mich mit den wichtigsten Informationen.

Als ich tags darauf mit dem Bus in die damals mit ca 17 Mio. Einwohner drittgrößte Stadt der Welt SAO PAULO eintauchte, war ich eher schockiert als beeindruckt. Mich empfing ein chaotisches Getue auf den Straßen. Am belebten Vormittag auf dem Weg zum Hotel sprach mich plötzlich eine Frau an. Ich sei an den Haaren schmutzig, aber ich ließ mich nicht beirren und ging weiter. Sie aber blieb hartnäckig in dem Bemühen mir zu helfen, weil eine eklige Flüssigkeit auf mir kleben würde. Ich sah nicht was hinter mir vorging, bemerkte nur, dass eine dicke, braune Masse überall auf meinen Haaren, Rücken und der Hose verteilt war, also nahm ich den großen Rucksack von meinen Schultern.

In diesem kurzen Moment des abgelenkt seins war plötzlich die Unbekannte mit meinem kleinen Handgepäck verschwunden. Einfach weg, wie in Luft aufgelöst. Das schien nicht das erste Mal zu sein, was mir auch die Unfreundlichkeit und Interessenlosigkeit der Leute rundherum wiederspiegelte. Keiner konnte oder wollte mir helfen, es interessierte sie einfach nicht.

Diese Gleichgültigkeit schockierte mich mehr als der Verlust. Für die Diebe war es ein magerer Ertrag, trug ich doch meine Dokumente und Geld immer am Körper, aber für mich war es schmerzhaft, da meine Fotos seit der Abreise aus Ecuador und mein Tagebuch nun weg waren.

So stand ich dort an der Straßenkreuzung, unfähig mich in dem portugiesischen Kauderwelsch klar zu verständigen und fühlte mich unheimlich verlassen. Nach dem Einchecken in dem ebenfalls verlassenen Hotel, lief ich durch die Straßen und der vagen Hoffnung hinterher, ich möge Teile meines Verlusts wieder finden. Nachdem meine Füße müde wurden, kam ich zur Einsicht, daß dieses Vorhaben in einer 17 Mio Stadt ziemlich sinnlos sei und lies mich erschöpft in einer Kirche nieder. Ich durchlebte ein Bad der Gefühle, beginnend mit Ärger über meine eigene Dummheit. Danach meldete sich die Traurigkeit über meine verlorenen festgehaltenen Erinnerungen, so als würde damit ein Teil meiner Reise vernichtet sein. Erst als es finster wurde kam ich zur Einsicht, daß es mir im Vergleich zu den Menschen hier sehr gut ging, war ich doch weder verletzt noch fehlte mir Materielles. Wieviele Leute saßen wohl in der Kirche und trauerten um einen geliebten Menschen oder hatten ums Überleben zu kämpfen? Was hatte ich im Angesicht dessen für einen Grund traurig zu sein? Mir fehlten lediglich ein paar Aufzeichnungen der Vergangenheit, aber die schönsten Momente meiner Reise waren ohnedies die Begegnungen mit den Menschen, die man nicht festhalten kann und die Erinnerungen daran sind für immer unlöschbar in meinem Herzen aufbewahrt

© Andrea Tanner