#mutmacher

Ich bin dann mal auf Auszeit

  • 229
Ich bin dann mal auf Auszeit | story.one

"Nein, sie können nicht einchecken, wenn sie kein Retourticket haben" hörte ich die Dame am Schalter sagen. Ich stand am Wiener Flughafen und konnte es nicht glauben, daß sie ernsthaft glaubte, ich wolle nicht mehr ausreisen. "Hören sie, ich werde mit dem Bus aus Chile weiterreisen und erst nach einem halben Jahr wieder aus Südamerika zurück fliegen. Ich weiß jetzt noch nicht von wo!" Da war nichts zu machen, Vorschrift ist Vorschrift. Der Versuch ein refundable Ticket zu lösen scheiterte am Limit meiner Kreditkarte. Die Zeit wurde knapp, der Check-in Schalter drohte zu schließen und mein Traum zu platzen. "Buchen sie doch einfach irgendein billiges Ticket nach Argentinien", empfahl mir die Dame letztendlich. Gesagt, getan. Es blieb kaum mehr Zeit, um mich von Siggi zu verabschieden, es war so schon schwer genug..

.. erleichtert lies ich mich in den Sitz fallen und hatte endlich Zeit meinen Gedanken Luft zu geben, die sich schon länger aufdrängten:

Die verständnisvolle Reaktion meines Chefs, als ich ihm schon Monate vorher erklärte, ich werde eine Auszeit nehmen. Die skeptischen Fragen einiger Leute, die nicht verstehen konnten, wieso ich meinen Luxus aufgebe und mir das antue. Das Kennenlernen meiner großen Liebe, die jetzt gleich einmal auf eine große Probe gestellt wurde und das Aufgeben meines Wohnsitzes in Wien.

"Was mache ich hier eigentlich?" 6 Monate, 1 Trekkingrucksack und ein fremder Kontinent erwarteten mich, das kam mir in diesem Moment des Innehaltens etwas unheimlich vor. Mein Herz begann wie wild zu klopfen, als mir das volle Ausmaß meines Vorhabens bewußt wurde. Das unendliche Gefühl der Freiheit mischte sich mit großer Aufregung.

Nach dem Umsteigen in Madrid fand ich in meinem Sitznachbarn einen unterhaltsamen Gesprächspartner. Während die anderen Passagiere bereits still vor sich hinträumten, waren wir noch munter und vergnügt in unser Gespräch vertieft und ernteten ab und zu schiefe Blicke, als unser Gelächter den einen oder anderen aus dem Schlaf riß. In den frühen Morgenstunden landeten wir in Santiago de Chile. Ich machte mich auf, die Stadt zu erkunden, um die Zeit bis zur Abfahrt meines Buses nach Südchile zu nutzen. Am Hauptplatz sitzend und die Sonne genießend, lernte ich einen auf den Osterinseln wohnenden Kriegsveteranen kennen, der gerade in der Hauptstadt zu Besuch war und mir für den Rest des Tages die Stadt zeigte. Welch andere Einblicke man doch gleich durch einen Ortskundigen bekommt.

Abends stieg ich müde in den Bus nach Pucon - mein erstes Reiseziel. Um zu Beginn nicht ganz so verloren zu sein und um mein Spanisch etwas aufzupolieren, wollte ich in Südchile 10 Tage eine Sprachschule besuchen, der Rest würde sich ergeben.

Nach 10 Stunden Busfahrt stieg ich aus und hatte das Gefühl im Paradies angekommen zu sein. Die Leute waren sehr nett und hilfsbereit. Der schneebedeckte Vulkan Villarica leuchtete durch die Bäume und spiegelte sich im See, was für ein Beginn für mein Abenteuer!

© Andrea Tanner 19.10.2019

#mutmacher