#einfotoundseinegeschichte #mutmacher

Im Jahrhundertsommer auf den Großvenediger

  • 233
Im Jahrhundertsommer auf den Großvenediger | story.one

Da standen wir nun am Rande des Gletschers, auf den wir abends zuvor von der Kürsingerhütte im Schein der untergehenden Abendsonne einen ersten Blick geworfen hatten. Wie ein schmutziges, weißes Meer breitete sich das ewige Eis des Großvenedigers vor uns aus, zerfurcht von den vielen Spalten, welche die Sommersonne hineingefressen hatte. Die Augustsonne brannte erbarmungslos auf uns nieder. "Es sei heuer besonders schwer einen Weg über den Gletscher zu finden", erklärte uns der Bergführer in ernstem Ton, während wir unsere Hüftgurte und Steigeisen anlegten. Als wir wenig später zwischen den Rissen im Schnee mäanderten verstand ich wovon dieser drahtige, kleine Mann redete, der unsere Seilschaft anführte und dem seine lange Bergerfahrung mit jeder Falte ins Gesicht geschrieben stand.

"Abstand halten, das Seil muss leicht gespannt sein", hallten die ermahnenden Worte des Guides über unsere Köpfe hinweg, "oder sollen wir alle gemeinsam im Abgrund verschwinden?". Das war deutlich genug. Wie überlegen hatte ich mich zu Beginn dieser Tour gefühlt und wie unbedeutend fühlte ich mich in diesem Moment. Mit jedem Meter wuchs mein Respekt vor dem unter mir arbeitenden Gletscher, nicht wissend ob mich der Schnee auch beim nächsten Schritt tragen würde.

Plötzlich geriet unsere Gruppe ins Stocken. Ich hob meinen Blick und starrte ungläubig auf eine steile, filigrane Aluleiter, die notdürftig über eine ca. 25 Meter breite Gletscherspalte gelegt war. Das kann doch nicht sein, mußten wir ernsthaft da rüber klettern? Meine Frage beantwortete sich von alleine, als unser Bergführer seelenruhig die ersten Sproßen in Angriff nahm. Trotz seines Leichtgewichts schwankte die Leiter unter seinen Schritten gewaltig. Am unteren Ende des Metallgestells hing ein Schild mit der Aufschrift "Leiter ist nicht gesichert!". "Das ist ja sehr ermutigend", dachte ich mir, als ich schlußendlich an der Reihe war.

Meine Hände klammerten sich krampfhaft an die Leiter, während ich versuchte mit den Steigeisen an den Füßen von Sproße zu Sproße zu steigen, ohne mit den spitzen Zacken hängen zu bleiben. "Nur nicht runter schauen", versuchte ich mich selbst von dem Abgrund abzulenken, über dem ich verharrte und der mich jeden Moment zu verschlucken drohte. Das Seil, an dem ich hing, war mehr ein Hindernis als eine Hilfe. Es verhedderte sich zwischen meinen Füßen und ich versuchte es mit einer Hand zu entwirren, während das Alugestänge unter mir zu schwingen begann. "Geh weiter", ermahnte ich mich. Konzentration, Schritt für Schritt. Endlich oben angekommen war es so steil, daß es schwer war, Halt zu finden, ohne in die gerade überwundene Spalte zurück zu rutschen.

Stillen Schrittes näherten wir uns dem höchsten Gipfel Salzburgs. Ein unglaublicher Ausblick auf die Kulisse der Venedigergruppe erwartete uns. Ehrfurcht erfüllte mich bei diesem Anblick. Wie mächtig und schön ist doch die Natur und wie klein und unwichtig sind wir im Vergleich dazu.

© Andrea Tanner 01.12.2019

#einfotoundseinegeschichte #mutmacher