Schon mal einen Stacheldrahtzaun geküsst?

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Schon mal einen Stacheldrahtzaun geküsst? | story.one

Wir hatten unsere Mountainbikes in den Urlaub an den Gardasee mitgenommen, um die wunderschöne Gegend zu erkunden. Am ersten Tag gings los - bergauf, bergauf und nochmals bergauf, zum Teil auf den alten Eselspfaden, die so steil und grobsteinig waren, dass wir die Räder nur noch schieben konnten. Wir wollten zum verlassenen Dorf "Il campo". Endlich angekommen, erblickten wir von Weitem verfallene Ruinen, also waren wir sehr überrascht, als uns im Dorfzentrum eine herzliche Gastegeberin erwartete, die uns mit Geschichten von ihrer Kindheit in diesem Dorf unterhielt.

Für uns ging es weiter, der Weg war jetzt leichter zu fahren und so genossen wir die Abfahrt in gemütlichem Tempo. Plötzlich wechselte der Untergrund auf große, runde, unbefestigte Steine. Mein Vorderreifen rutschte weg und ich war gerade dabei mich auf einen sanften Abstieg vorzubereiten, als ich in meiner Falllinie einen alten, dicken, rostigen Stacheldrahtzaun erspähte. "Oh nein" fuhr es mir durch den Kopf . Ich sah mich in Zeitlupentempo dem Stacheldrahtzaun entgegensteuern und landete mit voller Wucht mit dem Kinn, der Hand, dem Arm.. "Autsch!" Im ersten Moment sah ich nur rot. Ich fühlte mich richtig aufgespießt und unfähig aus dem Gewirr aus Stacheln und Fahrrad rauszukommen. Mein Mann kam angelaufen und schaffte es, mich zu befreien. Es half alles nichts, ich brauchte einen Doktor und hier war außer uns niemand, also rauf aufs Rad und weiter zum nächsten Dorf. Wir blieben beim ersten Restaurant stehen, die Blicke der Gäste liesen mich erahnen, wie zombiehaft ich aussehen musste. Der Kellner eilte mir zu Hilfe und kümmerte sich rührend um mich. Ich versuchte in meinem mittelmäßigen Italienisch zu erklären was passiert war, sah aber nur Fragezeichen in deren Augen, also lies ich meinen Mann nach Stacheldrahtzaun googeln. "Sono caduta nel filo spinato" ergänzte ich nochmals und sah, wie sich der Nebel in deren Augen lichtete. Der Restaurantbesitzer bot mir an, mich ins Krankenhaus zu bringen und schon sausten wir durch die schmalen Gassen hinab.

Im "Pronto Soccorso" war es ruhig. Hier hatte jeder Zeit, ich hatte es auch nicht eilig und ich war froh mein Italienisch etwas aufpolieren zu können. Auf meinem linken Oberarm klaffte eine größere Wunde, der Zaun hatte offensichtlich ein Stück Haut mitgerissen und einen tiefen Kratzer bis zum Ellbogen hinunter gezogen. Ich war mittendrin und fühlte mich gleichzeitig wie ein Zaungast, der belustigt zuschaute und sich gleichzeitig fragte, wieso mir das so egal sein konnte? Es lies mich kalt, als sie mit der Betäubungsspritze direkt in der Wunde herumstocherte und als sie beim Nähen der Wunde ihre langen, grauen Haare direkt darüber hängen lies, fuhr es mir belustigt durch den Kopf. "Na hoffentlich näht sie kein Haar mit".

Abends machten wir uns auf den Weg zum Restaurant, um dort zu essen, mein Rad abzuholen und vor allem, um mich für die freundliche Hilfe zu bedanken. Es entpuppte sich als absoluter Geheimtipp.

© Andrea Tanner