#einfotoundseinegeschichte #mutmacher

Willst du mit mir gehen?

  • 475
Willst du mit mir gehen? | story.one

5 Uhr morgens, es ist taghell. Ich schwinge mich auf mein Rad und fahre zum Einstiegspunkt. Mein Rucksack ist schnell geschultert. Los geht das Abenteuer, welches schon lange in meinem Kopf herumspuckt. Angebote gibt es viele, Wanderung in Etappen oder organisiert mit Gepäckservice. Das ist so gar nicht meins. Der heutige Tag ist 16 Stunden lang, das sollte reichen.

Die Zillhöhe am Klagenfurter Kreuzbergl liegt schnell hinter mir. Ich tauche ein ins unbekannte Hinterland. 2 prächtige Schlösser ziehen mich in ihren Bann - so nah und doch so verborgen. Die erste Steigung führt mich auf den Pirkerkogel. Mir verschlägt es augenblicklich die Sprache, als ich auf den noch ruhigen, türkisblauen Wörthersee unter mir blicke. Gegenüber erhebt sich der Aussichtsturm am Pyramidenkogel. Andächtig verharre ich auf der Holzbank. Mein Schweigen stört niemanden. Um diese Zeit wollte keiner mit mir aufbrechen. Ich bin somit allein. Die Natur ist mein treuer Begleiter. Der verlassene Weg führt mich weiter, vorbei an Pörtschach hoch hinauf zur Ruine Leonstein und zur Hohen Gloriette, begleitet von den Spuren Johannes Brahms. Ich lerne viel auf dieser Wanderung, über mich und die Geschichte der beschrittenen Wege, aufbereitet auf Infotafeln.

Trotz vollem Parkplatz am Forstsee bin ich alleine. Das Wasser zieht mich magisch an. Wozu widerstehen? Ich springe rein und spüre den erfrischenden Effekt auf meiner Haut. Es zieht mich raus in den See, wie herrlich sich das anfühlt. Die Magie des Ortes hält mich fest umschlungen und läßt mich ungern wieder gehen.

Nach 30 absolvierten km schlendere ich durch das belebte Velden. Die Lokale sind leer genug, um mir auf der Sonnenterasse einen Aperol Spritz zu gönnen. Mit leichtem Kopf, aber schweren Beinen nehme ich das Südufer in Angriff.

Welch Wohltat am Ortsende wieder in den erfrischenden Wald einzutauchen. Die Schlucht bergauf bis zum Trattnigteich. Auch hier bin ich alleine und versenke meine müden Glieder in der Schwerelosigkeit des Wassers. Die wenigen Kilometer bis Reifnitz sind richtig zach und wollen nicht weniger werden. Eine Hängematte am Ortseingang rettet mich - die muss mir der Himmel geschickt haben! Ein schnelles Eis verleiht meinen Füssen Flügel, sodaß sie mich lockeren Schrittes zu den Spintikteichen tragen. Welch ein Paradies auf Erden, so als hätte ich heute nicht schon genug Paradies getankt. Es ist bereits Abend und keine Menschenseele ist zu sehen. Kurz dämmert es mir, daß ich vor der Dämmerung wieder zurück sein sollte, aber schnell legt sich die magische Ruhe des Ortes wie ein Balsam um mein Herz. Ich liege auf der Bank und blicke durchs Blätterdach auf den Teich. Libellen schwirren übers Wasser, die Zeit scheint für mich still zu stehen.

Noch ein Blick auf den in der Abendstimmung liegenden Wörthersee, bevor es wieder runter geht. Die Freude ist groß nach ca. 16 Stunden, 56 km und 2000 Höhenmeter mein Radl wieder in Empfang zu nehmen, welches geduldig auf mich gewartet hat :-)

© Andrea Tanner 23.05.2020

#einfotoundseinegeschichte #mutmacher